Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Öffentlichkeit stabilisiert den Geldmarkt

von Andreas Langenohl

Josef Ackermann sagte am 17. März dieses Jahres, er habe „das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes verloren”. Seit letzter Woche kann er es anderen überlassen, öffentlich vom Marktglauben abzufallen und die globale Finanzmarktkrise heraufzubeschwören. Aber wird es dazu kommen?

Anzeigetafel in der Börse Frankfurt: fallender DAX
Foto: flickr.com. Einige Rechte vorbehalten.

Die Frage ist falsch gestellt, denn sie zielt auf die Wahrheit statt auf die Wirkung solcher Stellungnahmen. Wir beobachten, dass an den Finanzmärkten der Faktor Öffentlichkeit immens an Bedeutung gewinnt. Schon hat man sich an die stündlichen Börsennachrichten gewöhnt, längst ist vergessen, dass Preise von Finanzmarktprodukten früher einmal der privaten Nutzung vorbehalten waren und der Handel selbst überhaupt erst im 20. Jahrhundert öffentlich zugänglich gemacht wurde. Direkthandel, Online-Brokerage, Kleinanlegerclubs und Riester-Rente haben den im Finanzmarkt investierenden Teil der Bevölkerung in den letzten zwanzig Jahren stark anwachsen lassen. Heute sind Finanzmärkte ein öffentliches, weithin sichtbares Phänomen.

In Zeiten globaler Märkte muss die globale Krise beschworen werden – um sie zu verhindern.

In dieser Konstellation gewinnen öffentliche Marktdiskussionen performative Wirkung. Berichterstattung, Verlautbarungen wichtiger Finanzakteure und Tipps von Börsengurus beeinflussen die Märkte, weil sie die Erwartungen ihrer Teilnehmer beeinflussen. Märkte sind auf Diskurse angewiesen, weil zur Orientierung auf ihnen Preise allein nicht ausreichen. Ein Preis sagt nur, was und wieviel ge- und verkauft wurde – nicht aber, warum. Bleibt dies unbeantwortet, kann es zu Herdenverhalten kommen, bei dem die Handlungen anderer Akteure einfach kopiert und kaskadenartige Zahlungsströme ausgelöst werden. Öffentliche Diskurse über Finanzmärkte dienen funktional der Unterbrechung solcher Kaskaden und der Begrenzung der Krise. Sie sind also kollektive Stop-Loss-Routinen.

Daher die moral panic, die zurzeit gierige Investoren, Börsenhasardeure, inkompetente Aufsichtsräte und andere Figuren trifft. Diese Diskurse kehren mit jeder Krise wieder. Sie haben sich zu einer kommunikativen Gattung verdichtet, die für den Finanzmarkt konstitutive Bedeutung hat, weil sie der Stabilisierung seiner hochirritierbaren Symbolzirkulation dient. Daher muss in Zeiten globaler Märkte die globale Krise beschworen werden – um sie zu verhindern.

Porträt Andreas Langenohl

Der Soziologe Andreas Langenohl leitet die Forschungsgruppe „Idiome der Gesellschaftsanalyse“ im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“.

Dieser Beitrag ist zuerst unter dem Titel „Öffentlichkeit“ im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 27. September 2008 erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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