Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Hans Ulrich Gumbrecht in Konstanz

Bericht der Iser-Lecture 2010

Von Julia Wagner

Anlässlich der zweiten Iser-Lecture im Juli 2010 spürte Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford University) in Wolfgang Isers nachgelassenen Manuskripten einer intellektuellen Kraft nach, die dabei helfen könnte – so eine These Gumbrechts – die geistige Situation unserer Zeit zu analysieren.

„If we owe the gravitational theory to an apple tree, that of emergent evolution should originate with a visit to the circus.“
F. L. Wells

Unter dem Titel „Wolfgang Iser weiterdenken“ würdigte Gumbrecht den verstorbenen Anglisten in einer sowohl persönlichen als auch wissenschaftsgeschichtlichen Retrospektive: Iser sei ein Ausnahmewissenschaftler gewesen, ein „wahrer Fürst des Geistes“ (Wolf-Dieter Stempel).
In seinem letzten Arbeitsvorhaben unternahm Iser den Versuch, „Emergenz“ als alternative kulturwissenschaftliche Begrifflichkeit in Abgrenzung zu den konventionellen Zeitkategorien „Geschichte“ und „Evolution“ zu etablieren. Luzide beschrieb Wolfgang Iser in seinen Texten zur Emergenz einen Begriff, der für das 21. Jahrhundert, so vermutete Gumbrecht in seinem Vortrag, zu einer Denknotwendigkeit werden könnte.

Der Nachlass: Wie kommt das Neue in die Welt?

Der Philologe Wolfgang Iser (1926-2007) ging in seinem letzten Projekt einer Frage nach, die ihn auf seinem gesamten intellektuellen Lebensweg begleitet hatte: Wie kommt etwas qualitativ Neues in die Welt, das sich nicht auf vorgängig Bestehendes reduzieren lässt, sondern vielmehr alle erkennbaren Referenzen überschreitet? Die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hinter sich lassend, vereinte Iser mit der Neu-Konzeptualisierung des Emergenz-Begriffs verschiedene Organisations- und Evolutionstheorien, um Antworten auf diese Frage zu finden.

Hans Ulrich Gumbrecht beim Vortrag in Konstanz
Zum Videomitschnitt des Vortrags (Streaming, 78:47 min). Foto: Peter Schmidt (Foto am Münster, Konstanz)

Nach einfachen Lösungen suchte er dabei nicht: Es ist unmöglich, sein Projekt einer bestimmten Disziplin zuzuordnen, denn zu divers sind die Anregungen aus Philologie, Philosophie, Geschichte, Physik, Soziologie, Paläontologie, Anatomie, Ästhetik, Technikgeschichte und vielen weiteren Wissensbereichen. Das ambitionierte Arbeitsvorhaben blieb Fragment – Iser starb am 24. Januar 2007 vor Beendigung des lange angekündigten Buchs. Unter dem Stichwort ‚Emergenz’ fand sich in Isers Nachlass neben bereits publizierten Artikeln ein Konvolut von circa 250 Manuskriptseiten, das eindrücklich die fast zehnjährige Arbeit an dieser Thematik dokumentiert.

„Das unerfüllte Bedürfnis, über das Gegebene hinauszudenken“

Um die besondere Bedeutung der Emergenz-Fragmente herauszustellen, ordnete Gumbrecht sie in den Kontext der Iser’schen Denkdynamik ein. Er umriss das Gesamtwerk entlang einer Einteilung in vier zentrale Schaffensphasen mit ihren jeweils zugehörigen Publikationen. Allen Phasen, so Gumbrecht, sei dabei die Grundspannung zwischen thematischem Schwerpunkt der jeweiligen Veröffentlichung und einer sich abzeichnenden epistemologischen oder philosophischen Konfiguration gemein, die schon immer am Horizont des abgeschlossenen Arbeitsvorhabens das nächste Thema einfordere. Diese produktive Asymmetrie im Werk Wolfgang Isers ließe sich somit selbst als Emergenz-Phänomen beschreiben, indem sich „ein bisher unerfülltes Bedürfnis, über das Gegebene hinaus zu denken“ äußerte. Im Gang durch die wissenschaftlichen Biographie Isers illustrierte Gumbrecht diese Grundspannung, die nicht als Opposition oder Widerstand, sondern im Sinn wechselseitiger Spiegelungen begriffen werden soll.

Zwei mögliche Fluchtpunkte der Argumentation

Die Emergenz-Manuskripte unterscheiden sich vor allem in ihrer Form von den anderen Werken Wolfgang Isers. Weder sei eine klare Struktur, noch ein möglicher Fluchtpunkt der Argumentation erkennbar. Gumbrecht versuchte trotzdem, Konvergenzpunkte zu finden, indem er verschiedene Aspekte der Emergenz-Thematik innerhalb der nachgelassenen Fragmente erläuterte.

Interpretation gilt für Wolfgang Iser als das Medium der Emergenz, da der Mensch – als Mängelwesen gedacht – seine natürliche Instinktlogik verloren habe und seine eigene Welt hervorbringen müsse, um sich überhaupt orientieren zu können. Die Umwelt emergiere aus der alltäglichen Interpretation:

Ein massiver Mangel an Selbstverständnis und Seinsgewissheit des Menschen mache allererst die Interpretationen notwendig. Diese weisen aber nicht zu den Phänomenen selbst zurück, sondern produzieren lediglich ‚Landkarten‘, durch die sowohl Kontingenz bewältigt als auch Ordnung gestiftet wird. Den Verlust des Selbstverhältnisses kompensieren diese Interpretationsleistungen jedoch nicht:

Reaktion auf das unterkomplexe Begriffsinventar der Kulturwissenschaften

Isers Emergenz-Projekt kann nicht zuletzt als Reaktion auf zeitgenössische, seiner Meinung nach unterkomplexe, Begriffe der Kulturwissenschaft von Kultur verstanden werden. Als Alternative zum defizitär eingestuften Begriffsinventar der Kulturwissenschaften schlägt Iser eine Verbindung zweier unterschiedlicher Theorietraditionen vor:

Zum einen übernimmt Iser vom französischen Paläoanthropologen André Leroi-Gourhan Thesen zur Interdependenz zwischen biologischer und sozialer/kultureller Evolution. Dank seiner Hände, die durch den aufrechten Gang frei geworden waren, habe der Mensch seine Umwelt aus der Kontingenz in Ordnung verwandelt. Emergenzen vollziehen sich also entlang biologischer Einschnitte (Sprache, Gang).

Das Entwicklungsprinzip des humanen Kulturvermögens wird von Iser zum anderen mit der kybernetischen Vorstellung von Rückkopplungsschleifen verbunden. Diese „Recursive-Loops“ ermöglichen ein permanentes Reflexivwerden der menschlichen Eingriffe in die Welt, die dann die Basis für weitere Eingriffe bilden – der nächste Einschnitt ist immer schon da. In eine chronologische Abfolge lassen sich diese Emergenzen nicht bringen, noch kann ihr Verlauf prognostiziert werden.

Emergenz als Alternative zu Geschichte und Evolution

Da Iser Natur und Kultur nicht als gegensätzliche Entitäten, sondern als komplex-interagierende Ebenen verstand, könnte „Emergenz“ als eine alternative Begrifflichkeit zum geisteswissenschaftlichen Begriff der Geschichte und zum naturwissenschaftlichen Begriff der Evolution in die Kulturwissenschaften eingeführt werden. Sie würde damit Leerstellen präziser fassen, die von Geschichtsphilosophen und Evolutionstheoretikern bisher nur als Teleologien oder Kontingenzen beschreibbar waren.
Auch die Literaturgeschichtsschreibung würde, so vermutet Gumbrecht, von einer Neuperspektivierung literarischer Texte hinsichtlich der Emergenz-Phänomene profitieren.

Die Emergenz-Theorie als Reflex auf eine neue Zeiterfahrung

Was kann die Rede von Emergenz also in der wissenschaftlichen Diskussion leisten? Iser befand sich zeitgenössisch, so Gumbrecht, an einem Transformationspunkt seines ‚kulturellen Chronotops’.

Chronotopos:
Begriff aus der Erzähltheorie, der den Zusammenhang zwischen Ort und Zeitverlauf einer Erzählung charakterisiert.

Der alte Chronotop zeichnete sich vor allem durch seine sequenziellen Zeitebenen aus: Der Mensch ließ beständig die Vergangenheit hinter sich und bewegte sich in einen offenen Möglichkeitshorizont hinein. Zwischen Vergangenheit und Zukunft schrumpfte die Gegenwart zu einem nicht wahrnehmbaren kurzen Moment des Übergangs zusammen. Dies sei, hier folgt Gumbrecht dem Historiker Reinhart Koselleck, das Habitat des cartesianischen Subjekts und seinen neuzeitlichen Vorstellungen von Subjektivität gewesen und auch das Begriffsinventar ‚Geschichte’ (Geisteswissenschaft) und ‚Evolution’ (Naturwissenschaft) hätte sich aus dem historistischen Paradigma herausgebildet.

Für den neuen zeitgenössischen Chronotop gelten diese Charakterisierungen der Zeitebenen nicht mehr. Wir, so Gumbrecht, lassen die Vergangenheit nicht hinter uns, sondern leben (nicht zuletzt aufgrund der medientechnischen Gegebenheiten) mit pluralen Vergangenheiten und Erinnerungen, die sich eben nicht in einen abgeschlossenen Zeitrahmen einordnen lassen. In gleichem Maße wie die Vergangenheit an Komplexität gewonnen hat, erhöht sich auch das Bedrohungspotential der Zukunft. Im Gegensatz zum alten Chronotop wird die Dauer der Gegenwart ausgedehnt und in verschiedene simultane Ebenen aufgeschlüsselt.
Gumbrecht schloss an seine Unterscheidung beider Chronotope eine bemerkenswerte Folgerung an: Möglicherweise sei Isers Emergenz-Theorie eine vorbewusste Reaktion auf den neuen Chronotop, der nicht mehr dem historistischen Paradigma zugerechnet werden könne. Begreift man Isers Ausführungen in diesem Sinne als Reflex auf das heutige Zeitgeflecht, wird erst die Provokation der Emergenz-Konzeption begreiflich, eine neue epistemologische Konfiguration noch vor ihrem vollständigen Erscheinen fassbar zu machen.

Wolfgang Isers Vermächtnis

Was soll nun also mit den nachgelassenen Manuskripten zum Thema Emergenz geschehen? Wolfgang Iser, da ist sich Gumbrecht sicher, hätte einer Veröffentlichung nicht zugestimmt. Dennoch hielt Gumbrecht ein Plädoyer für die Publikation der Schriften: Er betonte mehrfach, dass Wolfgang Iser einer der großen Geisteswissenschaftler unseres Jahrhunderts gewesen sei. Schon allein diese Tatsache rechtfertige es, sein letztes Arbeitsvorhaben zugänglich zu machen. Aber Gumbrecht sieht in den Fragmenten mehr als nur ihren Wert für die vollständige wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Biographie Isers.

Bei der Lektüre habe er eine intellektuelle Kraft gespürt, die dabei helfen könne, die geistige Situation unserer Zeit zu analysieren. Und so entwarf Gumbrecht die Vision eines multilogischen Buchs, in dem die unfertigen Schriften Isers mit Reaktionen von Vertretern verschiedener Fächer und Generationen konfrontiert würden. Neben Isers Texten zur Emergenz fänden sich in diesem Band Antworten auf die Frage, worin denn nun der spezifische Reiz der Schriften Wolfgang Isers bestehe. Denn dass die Emergenz-Fragmente eine reiche Inspirationsquelle sein können, hat Hans Ulrich Gumbrecht mit seinem Vortrag eindrucksvoll bewiesen.

Julia Wagner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellencluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“. Sie forscht zusammen mit Dr. Marcel Lepper, Alexander Schmitz und Christopher Möllmann zur Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“.

Veranstaltungsplakat

Der Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz veranstaltete die Wolfgang-Iser-Lecture 2010 zum zweiten Mal.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Ulrich Gumbrecht, hat den Lehrstuhl für Komparatistik an der amerikanischen Stanford University inne.

Der erste Festredner 2009 war der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Dr. h.c. Geoffrey Hartman (Yale).

Vortragsmitschnitt

Publikationen

Cover

Potential einer Denkspur. Zum Nachlaß des literaturtheoretikers Wolfgang Iser. In: Wolfgang Iser: Emergenz. Nachgelassene und verstreut publizierte Essays. Hrsg. v. Alexander Schmitz, Konstanz: Konstanz University Press 2013, S. 13-17.

Das Potential einer Denkspur

Der explizite Leser und sein Nachlass: Das Vermächtnis des großen Anglisten Wolfgang Iser zielt auf eine Evolutionstheorie des menschlichen Vermögens zur Literatur.
Von Hans Ulrich Gumbrecht
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. November 2010, S. N3