Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Geoffrey Hartman (2009)

Cultural Memory, the Story Event and Contemporary Passion Narratives

22. Juli 2009

Vortragsmitschnitte

Einführung von Prof. Dr. Gerhart von Graevenitz

Einführung von Prof. Dr. Aleida Assmann

Vortrag von Prof. Dr. Geoffrey Hartman

Ehrendoktorwürde für Geoffrey Hartman

Bild 1: Geoffrey Hartman und Hayden White
Goeffrey Hartman hält einen Vortrag während der Konstanzer Meisterklasse
Bild 2: Geoffrey Hartman im Publikum (darunter auch Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Direktor der Universität, sowie Prof. Dr. Aleida Assmann)
Geoffrey Hartman im Publikum, neben ihm Aleida Assmann und Gerhart von Graevenitz
Bild 3: Goeffrey Hartman hält einen Vortrag während der Konstanzer Meisterklasse
Geoffrey Hartman (r.) und Hayden White nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde. (Die Bilder wurden von Hayden White und Aleida Assmann zur Verfügung gestellt.)
Ein Veranstaltungsbericht von Brigitte Elsner-Heller

Der international renommierte Literaturwissenschaftler Professor Geoffrey Hartman wurde am 22. Juni 2009 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz ausgezeichnet. Der Dank der Universität galt einem Wissenschaftler, der „deutschen Nachkriegsgenerationen entscheidende Impulse gegeben hat“, wie die Anglistin Aleida Assmann in ihrer Laudatio sagte. Im Anschluss an die Auszeichnung hielt Hartman die erste vom Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ begründete Wolfgang-Iser-Lecture zum Thema „Cultural Memory, the Story Event and Contemporary Passion Narratives“.

Das Datum der Verleihung der Ehrendoktorwürde war mit Bedacht gewählt worden, denn an diesem Tag wäre der 2007 verstorbene Konstanzer Anglist Wolfgang Iser 83 Jahre alt geworden. Mit dem Forscherkreis „Poetik und Hermeneutik“ um Wolfgang Iser und Hans Robert Jauß war Geoffrey Hartman seit den Gründerjahren der Universität Konstanz eng verbunden. Hans Jauß hatte Geoffrey Hartman, der 1966 und 1973 eine Gastprofessur in Zürich innehatte, erstmals nach Konstanz eingeladen, 1979 war Hartman dann als Gastprofessor an der Universität Konstanz, und der Kontakt dauert bis heute an.

„Geoffrey Hartman beeindruckte der Mut Isers und Jauß’ zu großen Theorien“, sagte Rektor Gerhart von Graevenitz anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Hartman selbst habe seine Ideen jedoch nicht in die Form einer großen Theorie gebracht, sondern sie in der Form des kreativen Essays entwickelt.

Wolfgang-Iser-Lecture

Geoffrey Hartman, der für eine Woche als „Meister“ bei der von Professor Bernhard Giesen gegründeten „Konstanzer Meisterklasse“ zu Gast war, hielt nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde die erste Wolfgang-Iser-Lecture. Dabei handelt es sich um eine Vortragsreihe, die in Erinnerung an den Forscherkreis „Poetik und Hermeneutik“ vom Exzellenzcluster ‚Kulturelle Grundlagen von Integration’ gestiftet wurde, und die künftig einmal jährlich ausgerichtet werden soll. Durchgeführt wird sie vom Fachbereich Literaturwissenschaft in Zusammenarbeit mit dem Marbacher Literaturarchiv.

Die Konstanzer Anglistin Aleida Assmann gewährte in ihrer Laudatio Einblicke in die Biografie Geoffrey Hartmans und würdigte sein wissenschaftliches Wirken.

Biografie

1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt geboren, konnte Hartman 1939 Deutschland mit einem Kindertransport nach England verlassen und wuchs dort in einem Internat auf. 1945 gelangte er in die Vereinigten Staaten, wohin seine Mutter emigriert war, von der er sechs Jahre getrennt gewesen war.

Hartman studierte Komparatistik am Queens College New York und an der Yale University. Dort unterrichtete er fast vier Jahrzehnte lang als Sterling Professor of English and Comparative Literature. Darüber hinaus lehrte er an vielen renommierten Universitäten in den USA, in Argentinien, Europa und Israel – darunter auch in Zürich und Konstanz. Von 1953-1955 leistete er seinen Militärdienst in Heidelberg ab. An die dortige Universität ist er seit den 1970er Jahren regelmäßig zurückgekehrt.

Umfassendes literaturwissenschaftliches Œuvre

„Geoffrey Hartman gehört zu den international renommiertesten Vertretern der Literaturwissenschaft“, sagte Aleida Assmann und wies darauf hin, dass sein wissenschaftliches Werk – allein 16 Monografien und 8 Sammelbände liegen in zahlreichen Übersetzungen vor – für Anglisten, Germanisten und Romanisten gleichermaßen einschlägig sei. Es umspanne die innovativen Entwicklungen dieser Fächer über 50 Jahre hinweg. Hartman sei dabei ein Pionier geblieben, der die Literaturwissenschaft immer durch Einbettung in neue theoretische Kontexte wie Dekonstruktion, jüdische Hermeneutik oder Erinnerungsformung bereichert habe.

Hartmans Werk spiegelt auf einmalige Weise die Entwicklung der Literaturwissenschaften über ein halbes Jahrhundert hinweg, wie Aleida Assmann weiter darlegte. So beschäftigte sich Hartman mit der Romantik, einer Epoche, die in Zeiten der Hochkonjunktur der klassischen Moderne eher vernachlässigt wurde, stellte das Werk William Wordsworths auf eine neue Grundlage und baute den New Criticism um, den er von seinen Lehrern in Yale gelernt hatte. Zusammen mit Paul de Man und Jacques Derrida war er ein herausragender Vertreter des in Yale begründeten Dekonstruktivismus, der mit der Fokussierung auf Fragen der Bedeutungskonstruktion sowie der Betonung von Unbestimmtheit und Ironie auch eng mit der Konstanzer Schule verknüpft ist. Anschließend hat er sich den Jüdischen Studien und insbesondere den Lektüreformen des Talmud und Midrash zugewandt.

Mitbegründer der Holocaust Studies

Gemeinsam mit seiner Frau Renée, die als 10-jährige Waise aus Bratislava in das KZ Bergen-Belsen deportiert wurde, engagierte sich Geoffrey Hartman für die Gründung des Fortunoff Archivs für Videozeugnisse von Holocaust-Überlebenden und wurde dadurch zum Mitbegründer der Holocaust Studies.
Mit seinem Sammelband „Bitburg in a Moral and Political Perspective“ (1986) reagierte er zeitnah auf die Verbrüderung von Reagan und Kohl über den SS-Gräbern. Das Jahr 1985 gilt inzwischen als ein Wendepunkt der deutschen Erinnerungsgeschichte; Hartman hat mit seiner Publikation einen wichtigen Anteil daran.

Seinen Weg durch verschiedene akademische Lebensphasen hat Hartman in seinem letzten Buch „A Scholar’s Tale. Intellectual Journey of a Displaced Child of Europe“ (2007) eindrucksvoll nachgezeichnet.

Dass Geoffrey Hartman regelmäßig nach Europa zurückgekommen und als Mediator zwischen den Kulturen aufgetreten sei, hält Aleida Assmann nicht für selbstverständlich:

„Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde möchten wir auch dafür danken, dass er den Kontakt nach Deutschland wieder aufgenommen, in persönlichen Beziehungen gepflegt und deutschen Nachkriegsgenerationen entscheidende Impulse gegeben hat.“

Brigitte Elsner-Heller ist zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Exzellenzclusters.

Vertriebenes Kind Europas

Zum Tod des Literaturwissenschaftlers Geoffrey Hartman (1929–2016)

Ein Nachruf von Aleida Assmann

Veranstaltungsplakat

 

16. Juli 2009
Geoffrey Hartman erhält Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz
Pressemitteilung

Publikation

Cover

Geoffrey Hartman, Aleida Assmann: Die Zukunft der Erinnerung und der Holocaust. Konstanz: Konstanz University Press 2012.

Vier Essays von Geoffrey Hartman mit einer Einleitung von Aleida Assmann. Weitere Informationen