Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

„Integration heißt, Menschen ein Zuhause zu geben“

Wie wird man Deutsche/r? Wie löst man innerstädtische Konflikte? Lässt sich über Religion verhandeln? Antworten auf diese Fragen gab es bei der Podiumsdiskussion „Integration bewegt!“.

Podiumsdiskussion: Integration bewegt! 8. Mai 2016, 1:30:38 min.

Anna Louban und Franziska Becker
Anna Louban (li.) und Franziska Becker

Wie man Deutsche/r wird

Die Ethnologin Anna Louban erforscht in Berlin den konkreten Prozess der Einbürgerung. In ihrem Vortrag schildert sie, wie man Deutsche/r wird: Welche Rolle spielen Ausländerbehörde, Integrationskurse und Einbürgerungsbehörde in diesem Prozess? Welche Sicht haben die dortigen Mitarbeiter*innen auf Migrant*innen? Bei ihren Feldforschungen stieß sie auf anpassungsfähige Behörden und klärte die Frage, warum sich einige Einzubürgernde im Büro nicht setzen, ihre Unterlagen nie per Post schicken und warum sie immer mit der gesamten Familie erscheinen.

Wie innerstädtische Konflikte beigelegt werden können

Für die Ethnologin Franziska Becker heißt Integration, Menschen ein Zuhause zu geben. Dass dies jedoch zu Konflikten führen kann, weiß sie aus ihrer täglichen Arbeit als Mediatorin: Sie wird zu Rate gezogen, wenn es um Nutzungskonflikte öffentlicher Plätze wie dem Berliner Leopoldplatz, dem dortigen Görlitzer Park oder dem Herosépark in Konstanz geht.
Dort entstehen Konflikte, weil die Bedürfnisse der unterschiedlichen Nutzergruppen oft mit denen anderer kollidieren. Wie solche Konflikte zu managen sind und wie die Betroffenen wieder zusammenfinden können, berichtet sie in ihrem Vortrag. Entscheidend sei es, die Beteiligten als Individuen wahrzunehmen.

Religiöse Konflikte teilbar machen

Diese Erfahrung hat auch der Soziologe Jörg Hüttermann gemacht. Der Konfliktforscher analysierte unter anderem den Streit um den Moscheebau in Halle/Westf. Wie die Auseinandersetzungen trotz tiefer Gräben zu einem einvernehmlichen Ende zu führen sind, schildert er in seinem Vortrag. Das Geheimnis: Miteinander reden, sich gegenseitig Respekt zollen und nicht über religiöse Überzeugungen verhandeln, sondern über Meter und Dezibel. Denn religiöse Einstellungen sind nicht teil- und verhandelbar.

Das Fazit der Veranstaltung lässt Moderator Özkan Ezli die Referent/innen schließlich folgendermaßen ziehen:

  • „Wir sollten uns nicht ausreden lassen, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben, die durch Vielfalt und Streit zusammengehalten wird.“ (Jörg Hüttermann)
  • „Wir müssen positiven Begegnungen aktiv Raum geben.“ (Anna Louban)
  • „Wir sollten Vielfalt mit mehr Gelassenheit und Neugier begegnen.“ (Franziska Becker)

 

Anna Louban promoviert am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ über das Thema „Wie Migranten zu Bürgern (gemacht) werden. Eine Ethnographie transkultureller Identitätskonstruktionen in deutschen Migrationsbehörden und Integrationseinrichtungen“.

Dr. Franziska Becker arbeitet als Mediatorin und forscht als Ethnologin in Konstanz und Berlin.

Dr. Jörg Hüttermann ist Konfliktforscher an der Universität Osnabrück.

Dr. Özkan Ezli forscht als Kulturwissenschaftler am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ über „Narrative der Integration in der deutsch-türkischen Literatur und im Film“.

Die Podiumsdiskussion „Integration bewegt!“ fand im Rahmen der Veranstaltung „Heimat vom Hörensagen“ (Judith Zwick – RAUM³ und Kulturbüro Konstanz) statt, die über den „Literatursommer Baden-Württemberg 2016“ gefördert wurde.