Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Populismus immer populärer?

Ein Veranstaltungsbericht von Sophia Quaderer

Die rechtspopulistischen Strömungen werden immer stärker, denn sie brechen gezielt Tabus und sprechen Gefühle an. Welche Antworten muss die Demokratie darauf finden? Darüber diskutierten der Hamburger Parteienforscher Marcel Lewandowsky und der Konstanzer Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel auf dem Foyer Forschung „Populismus – gefühlte Demokratie?“ am 27. April 2017.

„Die Erfolge populistischer Parteien im letzten Jahr haben viele von uns überrascht.“ Mit diesen Worten eröffnete Moderatorin Prof. Dr. Sophie Schönberger das Foyer Forschung. „Wie die Wahl von US-Präsident Donald Trump und die neuesten Errungenschaften von Marine Le Pen in Frankreich zeigen, ist alles im Umbruch.“

22 Begriffe, die dem „Populismus“ zugeordnet werden können, hat der niederländische Politologe Cas Mudde in einer Veröffentlichung aufgezählt. So etwa nationaler Populismus, rassistischer Extremismus oder Faschismus. Mit dem Hinweis auf dieses breite Spektrum beginnt Dr. Marcel Lewandowsky, Politologe und insbesondere Parteienforscher an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, seine Präsentation zur empirischen Populismusforschung.

 

Doch was versteht man nun unter dem Populismus?

Laut Lewandowsky steht der Populismus für ein bestimmtes Demokratieverständnis, das den Willen des Volkes und dessen Umsetzung zum höchsten Ziel erklärt, wobei Volk als homogene Gruppe verstanden wird. Der entscheidende Unterschied zur Demokratie liege jedoch darin, dass sich Populisten auch über rechtsstaatliche Regeln hinwegsetzten, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei distanzierten sie sich von der politischen Elite nach dem Motto „wir hier unten“ gegen „die da oben“, wie es Lewandowsky veranschaulichte. Populisten tendierten dazu, komplexe politische Probleme auf vereinfachte Formeln zu bringen oder Schuldige dafür zu finden, beim Rechtspopulismus beispielsweise die „Fremden“.

Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Seibel (Universität Konstanz) führte diesen Gedanken weiter aus. Demokratien seien anspruchsvolle Staatsformen und „echten Demokraten“ falle es schwerer, komplexe Phänomene zu adressieren als Politikern, die weniger auf demokratische Werte bedacht seien. Dabei ist laut Seibel Populismus in der Demokratie angelegt: „Populismus schlummert in der Demokratie und er schlummert auch in uns Menschen.“ Daher sollte er umso ernster genommen werden, mahnte der Wissenschaftler. „Ein bisschen Trump steckt in uns allen.“

Was macht den Populismus heute so populär?

Gerade heutzutage finden Rechtspopulisten großen Zuspruch, wie die jüngsten politischen Entwicklungen zeigen. Lewandowsky sieht den primären Grund dafür in der Unzufriedenheit mit den politischen Institutionen. Gelten rechtspopulistische Parteien also zurecht als Sammelbecken für Modernisierungsverlierer? Laut Lewandowsky ein Missverständnis: Weniger die tatsächliche ökonomische Situation der Anhänger ist ausschlaggebend als vielmehr deren Gefühl, vom ökonomischen Abstieg bedroht zu sein. Sie teilen nicht nur eine große Unzufriedenheit mit dem politischen System sondern auch viele Einstellungen, beispielsweise Rassismus und Sexismus, und identifizieren sich mit den Themen der populistischen Parteien.

„Wie gehen wir in der Demokratie mit Emotionalität um?“

Mit dieser Frage leitete Staatsrechtlerin Prof. Dr. Sophie Schönberger zur Diskussion über. Hängt der Erfolg des Populismus damit zusammen, dass das demokratische System zu rational argumentiert? „Rechtspopulisten sprechen bewusst in einer anderen Sprache, als die herkömmlichen Politiker und brechen somit Tabus. Die sich im vorhandenen System benachteiligt Fühlenden identifizieren sich mit diesem offenen Sprachgebrauch“, erklärte Lewandowsky. Doch dieses Wissen, fügte Seibel hinzu, nutzten bisher nicht nur Populisten, sondern auch populäre politische Größen wie Barack Obama, der die Menschen mit seinem Appell „Yes, we can!“ auf seine Seite zog.

Die anschließende Podiumsdiskussion bot den Zuhörerinnen und Zuhörern eine Plattform sich über mögliche Gefahren, Merkmale und künftige Entwicklungen des Populismus mit den beiden Referenten auszutauschen.

Über die Veranstaltungsreihe

Im „Foyer Forschung“ bringen der Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ und das Kulturwissenschaftliche Kolleg Konstanz öffentlich brisante Wissenschaftsthemen in das Foyer der Spiegelhalle. (In Kooperation mit dem Theater Konstanz)

Die Termine

Populismus – gefühlte Demokratie? (27. April 2017)

Tabus – unausgesprochen stark (November 2016)

Abschiebung. Bewegt Menschen (April 2016)