Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Spiel mit der Zukunft

von Albrecht Koschorke

Die jähen Ausschläge an der Börse erinnern unsanft daran, welche Rolle Fiktionen für das alltägliche Funktionieren moderner Gesellschaften spielen. Nein, nicht Fiktionen im landläufigen Sinn – in Filmen, Schauspielen und Romanen. Fiktionen sind nicht bloß in den Rückzugsgebieten der Unterhaltungsindustrie oder Ästhetik zu Hause, sondern wohnen im Herzen der Volkswirtschaften. Nur ein kleiner Bruchteil der Transaktionen an Aktienmärkten hat mit realen Gütern zu tun. Die Finanzprodukte, die dort gehandelt werden, besitzen keine physische Existenz. Es sind Gebilde, die existieren, weil eine Übereinkunft besteht, an sie zu glauben.

„Willing suspension of disbelief“ nannte der englische Romantiker Coleridge die einem Kunstwerk gegenüber angemessene Haltung; er hätte die Börse als Gesamtkunstwerk ansehen müssen. „For the moment“, setzte er allerdings hinzu. Das erinnert daran, dass ein Fiktionsvertrag, in dem beide Parteien „so tun, als ob“, und sich deshalb weder als Betrüger noch Betrogene fühlen müssen, nur mit begrenzter Laufzeit zu haben ist.

Es sind gerade die erfundenen zwischenmenschlichen Wesenheiten, die soziale Komplexität möglich machen.

Zur Orientierung ist es hilfreich, zwischen unterschiedlichen Arten von Fiktion zu unterscheiden. Darunter fallen zunächst all jene konstruierten sozialen Einheiten und Akteure, über die Gesellschaften sich in ihrer jeweiligen Gegenwart Form zu geben versuchen. Das sind „vorgestellte Gemeinschaften“ (imagined communities) aller Größenordnungen; Institutionen und Machtkörper, die allein durch das Faktum ihrer kollektiven Anerkennung existieren; unpersönliche Rechtssubjekte, die ihr Dasein mitunter virtuosen Als-ob-Konstruktionen verdanken; und schließlich die Grundelemente ökonomischen Handelns, in denen Konventionen sich in Rechengrößen verwandeln: Geld und Preise.

Niemand wird bestreiten, dass solche kollektiven Verabredungen in höchstem Maß wirklichkeitsmächtig sind. Die Zugehörigkeit zu einer Nation etwa kann über Armut und Reichtum, Krieg und Frieden, womöglich Leben und Tod entscheiden. Aber das ändert nichts daran, dass dieser Bezugsrahmen auf letztlich willkürlichen Setzungen beruht, ja dass er aus dem Stoff von Fiktionen gemacht ist und keine empirische Entsprechung hat. Wo Menschen leben, gehen Vorfindliches und Erfundenes die vielfältigsten Verbindungen ein, und es sind gerade diese erfundenen zwischenmenschlichen Wesenheiten, die soziale Komplexität möglich machen.

Eine zweite Gruppe von Fiktionen entsteht aus dem Zukunftsbezug, über den Gesellschaften sich ein Bild ihrer selbst erzeugen. Dies ist ein besonderes Kennzeichen der Moderne, die gegenüber traditionalen Weltordnungen radikal von Vergangenheits- auf Zukunftsreferenz umgestellt hat. Es kennzeichnet ihr Zeitbewusstsein, die jeweilige Gegenwart im Vorgriff auf eine zwar ungewisse, aber gerade darum gestaltbare Zukünftigkeit hin zu interpretieren. Zukunft ist das plastische Medium, durch das moderne Gesellschaften in Kontakt mit ihrem möglichen Anderssein treten.

Zukunftsfiktionen dienen dazu, dieser Ungewissheit einen Ort im gesellschaftlichen Imaginationshaushalt zu geben, sie gleichsam in die Gegenwart „einzupreisen“ und umgekehrt die jeweilige Gegenwart auf das, was kommen wird, hin zu öffnen. Solchen Zukunftsszenarien steht ein ganzes Spektrum von dramatischen Möglichkeiten zur Verfügung: Sie können sich utopisch oder apokalyptisch ausgestalten, die bevorstehende Zeit als Belohnung oder Strafe imaginieren, Wünschen oder Ängsten Ausdruck verleihen. Damit tragen sie die Unsicherheit des Kommenden in die Gegenwart hinein. So kann man sagen, Zukunft sei ein gigantisches Reservoir an Ungewissheit, von dem Tag für Tag große Mengen in die Welt hineingepumpt werden und dort in Konjunktion mit den Festlegungen der Vergangenheit treten.

Zukunft sichert soziale Integration.

Gäbe es diese Offenheit der Zeit nicht und ließe sie sich nicht mit Hoffnungen und Versprechen auskleiden, wäre menschliches Leben schwer vorstellbar. Doch auch auf der Ebene des sozialen Funktionierens, besonders in modernen Gesellschaften, ist ein offener Zeithorizont unentbehrlich. „Zukunft“ sichert soziale Integration. Als Traumfabrik bietet sie Aussicht auf Linderung, Ausgleich, Gerechtigkeit und übernimmt damit auch unter säkularen Bedingungen eine Aufgabe, die sonst den Religionen zukommt.

Mit Zukunftsversprechen lassen sich Versagungen kompensieren, Konflikte und Gewaltzyklen abschwächen oder kollektive Energien freisetzen, für die es rein innerweltlich, und das heißt: innerzeitlich, keinen hinreichend starken Antrieb geben würde. Verlöre der Glaube an Zukunft diese Kraft, müssten alle laufenden Rechnungen ohne einen optionalen und niemals genau zu beziffernden Faktor Z beglichen werden, wäre es um den Gefühlshaushalt und den Zusammenhalt einer Gesellschaft schlecht bestellt. Im Fall der Weltwirtschaft gilt das übrigens ganz wörtlich: Nach der Abschaffung des Goldstandards 1971 besteht die einzige Deckung für die weltweiten Geldströme in Vertrauen – also in einem Kredit, den das System auf sich selber aufnimmt.

Fiktionale Vorwegnahmen sind insofern ein notwendiger Teil des täglichen Handels, den Gesellschaften mit ihrer Zukunft treiben. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass ein solches Zukunftskalkül scheitern kann. Zum einen, weil sich Zukunft ja unaufhörlich in Gegenwart verwandelt, und zwar gewöhnlich in eine andere Gegenwart als die erträumte. Zum anderen, weil Individuen wie Kollektive ihre Zukunft gleichsam vor der Zeit verbrauchen können. Wie es aussieht, haben moderne Gesellschaften einen besonders hohen Zukunftsverbrauch.

Immer mehr Funktionssysteme können offenbar nur unter der Bedingung weiterarbeiten, dass sie mehr Ressourcen aufzehren, als sie zu erzeugen oder zu regenerieren vermögen. Inzwischen gilt es als unhinterfragbare Prämisse, dass moderne Volkswirtschaften wachsen müssen, um stabil zu bleiben und die geweckten Ansprüche zu befriedigen. Sie geraten dadurch unter den Zwang, kurzfristige Anleihen bei ihrer Zukunft zu machen, die sie als langfristige Schuldlast nicht mehr abzahlen können.

Der Zeitpunkt, an dem die globale Balance ins Minus umschlug, ist historisch genau zu datieren. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wachsen die Staatsschulden der westlichen Industrieländer an. Seit Mitte der achtziger Jahre geht die ökologische Bilanz immer tiefer ins Minus; würde man sie in die Statistik einrechnen, ergäbe sich ein negatives Wirtschaftswachstum. In der Entwicklung der Technologie stauen sich Risiken auf, die nicht kalkulierbar und folglich auch nicht versicherbar sind. Und wie ein kurzsichtiger Vorgriff auf fiktive künftige Gewinne ein ganzes Finanzsystem ruinieren kann, zeigen die Ereignisse der vergangenen Wochen.

Zukunft ist die letzte frontier.

Die Geschichte Amerikas wird gern als eine Saga in drei Etappen erzählt. Erst kam es zum Exodus aus Europa und zur Gründung eines Neuen Israel an der Ostküste der heutigen USA. Dann rückten Pioniere (und Armeen) gegen die als frontier bezeichnete Westgrenze vor. Als im 20. Jahrhundert der ganze Kontinent erschlossen war, richtete sich der Vorwärtsdrang in den Weltraum. Jetzt könnte man eine vierte Etappe hinzufügen – nicht nur mit Blick auf die Vereinigten Staaten, sondern auf die Industrieländer insgesamt. Zukunft ist die letzte frontier. Nach dem Ende des klassischen Kolonialismus und dem Entstehen einer hoch integrierten, aber in räumlicher Hinsicht endlich gewordenen Weltwirtschaft scheint sich der Expansionsdrang in die zeitliche Dimension zu verlagern. Die Energien verlagern sich nun dahin, Raubbau an der Welt künftiger Generationen zu treiben.

Das Grundprinzip bleibt dabei das Gleiche: Abschöpfung von Gewinnen bei Externalisierung der Kosten. Der Mechanismus der Auslagerung funktioniert jedoch nur, wenn es eine Systemumwelt gibt, mit der man nachher nicht in Berührung kommt, die „draußen“ bleibt wie Schmutz vor der Haustür. Aber die globalisierte Welt hat kein solches Außen mehr, auch nicht in der Zukunftsdimension. Offenbar sind die globalen Systeme an den Punkt gelangt, an dem alles, was sie tun, in immer kürzeren Zyklen reflexiv auf sie selbst zurückwirkt – in der auch die Zeit keinen offenen Horizont bietet, sondern sich, wenn man so will, in sich selbst zurückkrümmt. Die in die Zukunft verschobenen Lasten machen sich schon in den aktuellen Bilanzen bemerkbar; der künftigen Generationen überantwortete Müll liegt immer unübersehbarer im eigenen Vorgarten herum; das uralte menschliche Verhaltensmuster, Probleme dadurch zu lösen, dass man sie hinter eine imaginäre Grenze verbannt, greift nicht mehr.

Der entrepreneurial spirit hat sich in den dichten Interdependenzen der globalen Wirtschaft verfangen.

Fiktionen nehmen Sedimentschichten des kulturellen Gedächtnisses in sich auf. Die überschuldeten Hausbesitzer in den Vereinigten Staaten sind dem uramerikanischen Vorbild der ersten Siedler gefolgt, etwas aufzubauen und sich zu eigen zu machen, damit es der nächsten Generation besser geht. Die gestürzten Halbgötter der Wall Street mochten sich als Erbwalter der amerikanischen Pioniere verstehen, die durch Tatendrang und Wagemut eine Welt neuer Gewinn- und Lebenschancen erschlossen. In dem Credo der Deregulierung, das zu dem Desaster an der Börse geführt hat, schwingt eine Staatsfeindlichkeit mit, deren historische Wurzeln in der Auswanderung aus einem dicht besiedelten, politisch und religiös reglementierten und als korrupt verschrieenen Europa liegen.

Aber das Heldenschema des Pioniers an der Grenze stimmt im 21. Jahrhundert nicht mehr. Der entrepreneurial spirit, den keine staatliche Instanz bremsen sollte, hat sich in den dichten Interdependenzen der globalen Wirtschaft verfangen. Erforderlich ist ein koordiniertes, im Hinblick auf seine Folgen reflektiertes Verhalten mit endlichen Ressourcen auf engem Raum. Zukunft lässt sich nicht mehr als vorgezogene Sozialprämie verteilen. Die Frage ist: Auf welche alternativen Fiktionen kann eine Gesellschaft zugreifen, die sich nicht wie bisher als Zugewinngemeinschaft versteht? Und auf welchem kulturellen Nährboden gedeihen sie?

Porträt Albrecht Koschorke

Albrecht Koschorke ist Professor für deutsche Literatur an der Universität Konstanz, Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ und Sprecher des Netzwerkes „Transatlantische Kooperation“.

Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Die vierte Etappe“ in der Süddeutschen Zeitung vom 30. Oktober 2008. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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