Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Die Taten von Köln und der Islam

Özkan Ezli sieht in den Vorfällen der Silvesternacht einen Bruch der Zivilität. Das aber sei eher ein kulturübergreifendes, denn ein islamisches Problem.

Interview von Susanne Ebner

Front der Eingangshalle des Kölner Hauptbahnhofs bei Nacht
Foto: 8 pm in Köln Hbf. guanzi/flickr.com. Einige Rechte vorbehalten.

Herr Ezli, liegen die Wurzeln der grausamen Taten in Köln im Islam?

Pauschal kann man das nicht sagen. Denn es ist zwar so, dass der Mann im Islam insgesamt gegenüber der Frau eine bevorzugte Position innehat, aber von dieser allgemein auf die Verachtung der Frau zu schließen, wie es aktuell Islamkritiker im Zusammenhang der Kölner Ereignisse tun, finde ich problematisch. Es ist umgekehrt aber auch nicht so, dass die Ereignisse in Köln gar nichts mit dem Islam zu tun hätten, wie es Vertreter muslimischer Verbände festhalten.

Wie meinen Sie das?

Nach einer bekannten Aussage des Propheten ist die Begegnung zwischen Mann und Frau immer auch eine potenziell sexuelle, deren Vollzug den sozialen Zusammenhalt gefährdet. Deshalb müssen diese Begegnungen und die damit verbundenen Triebe reguliert werden – zum Beispiel indem eine Frau ein Kopftuch oder einen Niqab trägt. Es gilt die Entstehung erogener Zonen zu vermeiden, was natürlich eine Überpräsenz der Sexualität als Thema mit sich bringen kann.

Und dieser repressive Umgang mit Sexualität führte zu den Übergriffen?

Als einzige Grundlage keineswegs. Denn es führten noch weitere Faktoren zu dem, was in Köln passiert ist: die Verachtung gegenüber der Polizei zum Beispiel – und die Verachtung der Gastfreundschaft des Aufnahmelandes Deutschland. Und da es auch um Diebstahl ging, spielt der Faktor kriminelle Energie ebenfalls eine Rolle. Angesichts dieser vielen und unterschiedlichen Faktoren des Kölner Vorfalls wird es dann wiederum schwierig, die Taten mit der puristischen Version der Geschlechterordnung im Islam allein zu begründen.

Warum?

Weil im Islam sowohl die Achtung einer sozialen Ordnung als auch Gastfreundschaft sehr wichtige Werte sind. Und an diese Werte haben sich die Täter in Köln ja ganz offensichtlich nicht gehalten.

Manche sagen, es sei kein Wunder, wenn sich Migranten hier nicht im Zaum halten können – angesichts von halbnackten Frauen auf Werbeplakaten…

Wer das sagt, entschuldigt die Täter. Denn dann geht man davon aus, dass muslimisch geprägte Männer ihre Triebe angesichts leicht bekleideter Frauen tatsächlich nicht im Griff haben. Diese Behauptung als eine allgemeine halte ich aber für falsch. Denn durch das Internet und andere Medien, durch diese unglaubliche Vernetzung, ist der westliche Lebensstil zumindest in groben Zügen bekannt. Etwas anderes ist es mit Recht und Gesetz. Da muss unter Umständen tatsächlich eine Aufklärung stattfinden.

Aber was hat dann dazu geführt, wenn nicht die kulturellen Wurzeln?

Özkan Ezli

Ich will nicht sagen, dass der Islam gar nichts damit zu tun hat. Aber es sind eben viele Gründe, die dazu führen, dass Menschen so etwas tun. Ein Grund kann sein, dass sie sich als Verlierer fühlen. Schließlich stehen diese Menschen in Deutschland eher am Rand der Gesellschaft. Auch die Dynamik vor Ort spielt eine große Rolle – also an diesem Abend in Köln selbst. Ich denke, wenn es um Kultur geht, muss man auch ein stärkeres Verständnis von Situationen entwickeln.

Das heißt?

Meiner Ansicht nach sind solche Taten in erster Linie nicht religiös motiviert, sondern zugleich Ausdruck massiver Unzufriedenheit. Man kennt vergleichbare Taten zum Beispiel aus Indien und das ist ja bekanntermaßen mehrheitlich kein muslimisch geprägtes Land. In Gruppen auf Andere, vermeintlich Schwächere loszugehen, um für eine kurze Ausnahmezeit die eigene Ohnmacht durch Gewalt in Macht zu übersetzen, das ist nichts Neues. Bei Pegida konnte man ja auch mobartige Ausbrüche beobachten – in Leipzig zum Beispiel.

Spielen die Erfahrungen, die Migranten und Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht gemacht haben somit ebenfalls eine Rolle?

Ja, das ist möglich. Die arabische Welt und auch große Teile der islamischen Welt stecken in einer Krise. Gewalt war und ist dort seit der arabischen Revolution etwas Alltägliches geworden. Ein andauernder Ausnahmezustand hat dramatische Folgen. Denn wenn keiner dem anderen mehr traut, brechen zivile Strukturen in einer Gesellschaft zusammen.

Wenn Sie gerade von der Revolution sprechen… In Ägypten wurden Frauen auf dem Tahrirplatz auf eine ähnliche Weise missbraucht wie in Köln.

Dort sorgte Mubarraks Regime und heute sorgt as-Sisis Regierung mitunter auch dafür, dass Männer als politische Repression die demonstrierenden Frauen angehen. Das Phänomen „taharrush gamea“, die in Gruppen vollzogene sexuelle Belästigung, ist in Ägypten seit 2000 bekannt. Ob das tatsächlich etwas mit den Taten in Köln zu tun hat, kann ich nicht sagen. Mich erinnern die Geschehnisse in Köln ohnehin eher an eine kriegerische Situation.

Warum?

Es sind vor allem die Videos, die an diesem Abend entstanden sind und die Beschreibungen von Augenzeugen und Opfern, die diesen Eindruck vermitteln. Die Täter schossen Raketen über den Domplatz, um die Menschen zu erschrecken und zu vertreiben. Das wirkt wie ein kriegerisches Szenario. Außerdem zogen sich die Übergriffe in Köln teilweise über Stunden hin.

Die Geschehnisse in Köln wurden von der Polizei und auch von den Medien lange nicht thematisiert.

Das war falsch. Denn indem erst Tage später berichtet wurde, haben sowohl die Medien als auch die Politik noch mehr dazu beigetragen, dass die Situation eskalierte. Die Debatte über soziale und kulturelle Grundlagen von Verbrechen darf auf keinen Fall dazu führen, dass Taten verschwiegen oder Täter weniger hart bestraft werden. Nach dem Motto: Das wäre eben in dieser Kultur so. Zivile Fort- und Rückentwicklungen von Kulturen und ihrer sozialen Ordnungen sind weniger gesetz- als vielmehr prozessabhängig.

Wie beurteilen Sie denn die Debatte, nun, nachdem wir mehr über den Silvesterabend in Köln wissen?

Wenn man die Debattenbeiträge zu Köln zusammenhängend betrachtet, halte ich sie insgesamt für ausgewogen. Es gibt vier Argumentationsstränge: Die einen sagen, es hat mit dem Islam zu tun. Andere sagen, es war ein Mob, der ressentimentbeladen zurückgeschlagen hat. Manche sagen, es war organisierte Kriminalität.

Und dann gibt es noch das Argument, dass Gewalt gegen Frauen ohnehin ein Problem ist – jenseits von Religion und Herkunft. Es gibt also vier Argumente, die alle etwas für sich haben, aber keines trifft es meiner Meinung nach ganz. Was mit Sicherheit über Köln gesagt werden kann, ist, dass ein Zusammenbruch zivilen Verhaltens stattgefunden hat und dieser Bruch der Zivilität ist meiner Meinung nach historisch und aktuell eher ein kulturübergreifendes als ein rein islamisches Phänomen und Problem.

Dr. Özkan Ezli ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“. Er forscht hier über „Narrative der Integration in der deutsch-türkischen Literatur und im Film“.

Dieses Interview erschien zuerst, leicht gekürzt, im Südkurier vom 8. Januar 2016.