Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Migration und Grenzen in Zeiten erhöhter Mobilität

Migration nach Europa und Migration aus Europa – der alte Kontinent ist durch transnational ständig wachsende und sich verändernde Netzwerke mit den anderen Weltregionen dauerhaft verbunden.

Trotz der Festungsrhetorik und -praxis Europas finden Menschen weiterhin Zugänge zu Europa; zugleich versuchen auch Europäer aufgrund der aktuellen europäischen Krise ihr Glück anderenorts, nicht selten in Ländern des ‚Südens‘. Dadurch verändern sich die globalen Konstellationen kontinuierlich und nachhaltig.

In urbanen Zentren kommt es zu super-diversen Konfigurationen (Vertovec 2007), die nicht nur eine Multiplikation von Menschen mit verschiedenen ‚Migrationshintergründen‘ ausmacht, sondern auch deren Unterscheidung nach einer Vielzahl von Faktoren, z.B. dem legalen, sozialen und ökonomischen Status. Aufgrund der Entstehung von transnationalen Gemeinschaften (Basch, Glick Schiller, Szanton Blanc 1994) und transnationalen Netzwerken und Subjektivitäten (Dahinden 2009) können zudem Prozesse sozialer Ausdifferenzierung nur noch transnational verstanden werden (Berger und Weiß 2008). Dadurch entstehen sowohl in transnationalen als auch lokalen Herkunfts-, Transit- und Zielkontexten komplexe ökonomische, soziale und kulturelle Widersprüche und Spannungen (Nieswand 2011).

Migration kann somit nicht als ein marginales Phänomen gegenwärtiger Gesellschaften betrachtet werden, sondern ist Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses, der zunehmend durch erhöhte Mobilität und Zirkulation gekennzeichnet ist. Die globalen Migrationsbewegungen sind in diesem Rahmen nicht mehr durch Interpretationstheorien zu erfassen, die ein eindimensionales Transitschema (von Land A nach Land B) voraussetzen. Viele Menschen verbringen lange Zeitperioden unterwegs ‚in Transit‘ oder leben multilokale Leben. Diese Lebensformen sind immanenter Bestandteil  von neuen, provisorischen und fragilen gesellschaftlichen Gebilden, Kulturen und Ökonomien, die aber effektiv Bestand haben und eine gute soziale Vernetzung voraussetzen.

Menschliche Beziehungen verändern sich in ihrer sozialen, räumlichen und zeitlichen Dimension. Europäische wie andere Gesellschaften weisen solche Charakteristika auf, die nicht zuletzt von räumlicher und sozialer Mobilität hervorgerufen werden. Dies verlangt nach entsprechenden dynamischen theoretischen und analytischen Instrumenten, die auf Basis sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung entwickelt werden.

Die Projekte dieses Themenfeldes schließen damit an Diskussionen der mobility studies an, die Fragen nach Mobilität und Immobilität in Bezug auf alle gesellschaftlichen Bereiche diskutieren. Die Mobilität, Liquidität und Zirkulation von Imaginationen, Ideen und Objekten, sowie allgemeiner von Kulturen, Kapital, Wirtschaftsweisen und Religionen stehen heute im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei  besteht auch ein Interesse an den Regimen, die Mobilität gleich welcher Art limitieren, kontrollieren oder gar zu unterbinden versuchen. Die Projekte zu den verschiedenen Dimensionen menschlicher Mobilität und deren Kontrolle und Regulierung suchen deshalb konsequent den Vergleich zu Projekten, die (Im)Mobilitäten anderer Gegenstandbereiche untersuchen.

Die Annahme, dass Globalisierung spezifische (Im)mobilitätsregime hervorruft, ist eng mit Diskursen und Praktiken der Grenzziehung verbunden. Dabei wird einerseits eine global verflochtene, von den materiellen Hürden der geographischen Grenzen befreite Welt dargestellt, in der Informationen, Menschen und Waren fließend und barrierefrei zirkulieren (Castells 2000). Andererseits wird eingewandt, dass es sich um einen fragmentierten Globus handelt, in dem neue Grenzen entstehen; es entstehen Zwischenzonen, die die binäre Opposition von  „globalem Norden“ und „globalem Süden“ in Frage stellen (Augé 2009, Basaran 2011).

Das in den 1990er Jahren imaginierte graduelle Verschwinden der Grenzen muss unter anderem in der Folge des 11. Septembers 2001 überprüft und neu gedacht werden. Eher als um eine Entgrenzung der Staaten soll es dabei um ein Verständnis des selektiven Charakters der Grenzen gehen. Je nach dem regulatorischen Bedarf von Staaten werden Grenzen einerseits flexibler und andererseits undurchlässiger (Andreas/Snyder 2000). Außerdem weiten sie sich jenseits des Territorialen durch ein wachsendes Kontrollnetzwerk aus.

Eine Wende in der sozialwissenschaftlichen Grenzforschung der letzten zwei Jahrzehnte legt Zeugnis von dem sich wandelnden Charakter von Grenzen ab, was Begriffe wie borderland, borderscape oder borderwork zu erfassen suchen. Grenzen werden immer weniger als fixierte, physische Zonen verstanden, die Territorien umgeben, sondern als komplexe politische, soziale und diskursive Konstrukte, die eine spezifische globale Ordnung und eine gewisse Definition des Staates implizieren. Deshalb sind sie anstatt als Objekte als stets ausgehandelte soziale Produkte zu fassen (Berg/van Houtum, 2003).

Den kulturellen und sozialen Folgen dieser neuen Konstellationen, sowie ihrem Einfluss auf die Verflochtenheit Europas mit der globalisierten Welt, werden in einer interdisziplinären Perspektive und mit einem kultur- und sozialwissenschaftlichen Akzent im Doktorandenkolleg nachgegangen.

Literatur

Andreas, Peter and Timothy Snyder (Eds.) 2000. The Wall around the West. State Borders and Immigration Controls in North America and Europe. New York: Rowman & Littlefield.

Augé, Marc 2009. Pour une anthropologie de la mobilité. Paris: Payot & Rivages.

Basaran, Tugba 2011. Security, Law and Borders. At the limits of liberties. New York: Routledge.

Berg, Eiki and Henk Van Houtum, Henk (Eds.) 2003. Routing Borders Between Territories, Discourses, and Practices. London: Ashgate.

Berger, Peter A. and Weiß, Anja (eds.) 2008. Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Castells, Manuel 2000. The Information Age: Economy, Society and Culture Vol. I. Cambridge & Oxford: Blackwell.

Dahinden, Janine 2009. Are we all transnationals now? Network transnationalism and transnational subjectivity: the differing impacts of globalization on the inhabitants of a small Swiss city, Ethnic and Racial Studies 32(8): 1365-1386.

Nieswand, Boris 2011. Theorising transnational migration. The status paradox of migration. New York: Routledge.

Vertovec, Steven 2007. Super-diversity and its implications, Ethnic and Racial Studies 30(6): 1024-1054.

Wilson, Thomas and Hastings Donnan. 2012. “Borders and Border Studies”, in Wilson, T. and D. Hastings, A Companion to Border Studies. Oxford: Wiley Blackwell: 1-24.

Forschungsprojekte

(Un)equal lives of migrants. Comparing, reflecting and embodying processes of social stratification and cultural diversification in a Latin American city
Tilmann Heil, D.Phil.

Europas Grenzen durch Meer, Land und Luft. Eine kultursoziologische Untersuchung der Konstruktion des europäischen Selbstbildes, der Alterität und der Verschiebung von Gewalt an die Außengrenzen der EU
Dr. Estela Schindel

Kritische Stimmen an der europäischen Grenze. Nichtstaatliche Akteure und Vorstellungen eines anderen Europas jenseits der Festung
Larissa Fleischmann

Insular Border Regimes. Constructing, Crossing and Conceiving the EU-Borders in the French Caribbean (AT)
Corinna Di Stefano

Faire de l’asile. Zur Produktion und Organisation von Migration in städtischen Asylregimen
Philipp Schäfer

Kooperationspartner

TRANSFORmIG
Leitung Prof. Dr. Magdalena Nowicka, Humboldt-Universität Berlin
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