Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Konstruktionen von Ethnizität, Identität und Differenz

Ausgehend von Fredrik Barths (1969) Unterscheidung von kulturellen Inhalten ethnischer Gruppen einerseits und ethnischen Grenzziehungsprozessen andererseits wirft das Doktorandenkolleg Fragen nach (kulturell kodierten) sozialen Differenzierungsprozessen und deren Bewertung auf (vgl. Wimmer 2008, 2013).

Dieses Forschungsfeld setzt primär auf der Akteursebene an, ohne die Bedeutung politischer Strukturen zu vernachlässigen. Selbst- und Fremdzuschreibungen werden dort berücksichtigt, wo es darum geht, das primordiale Verständnis von Ethnizität und, allgemeiner, Identitätsentwürfe zu analysieren. Konzeptionell werden Ansätze aus der Ethnizitätsforschung als Ausgangspunkt genutzt, um die Ausdifferenzierung der Gesellschaft entlang verschiedener Dimensionen wie Gender, Rasse, Herkunft und Klasse zu behandeln.

Anerkannter Kritik am Begriff der Identität zufolge sind analytisch-terminologische Ausdifferenzierungen und Spezifizierungen nötig. So sollen Begriffe wie „identification and categorization“, „self-understanding and social location“ und „commonality, connectedness, groupness“ (Brubaker und Cooper 2000) einbezogen werden. Identitäten können situativ und multipel sein; sie sind in empirischen Forschungen als kulturell und soziopolitisch wirksame Kategorien vorzufinden, deren Entstehungsprozess, Wirkungsweisen und realpolitisches Gewicht in den Blick genommen wird.

Die Forschungsprojekte

In ihrer historischen Arbeit über die ‚deutsche‘ Minderheit in Südafrika, geht es Sarah Schwab darum, wie sich diese als (reale bzw. imaginierte) Gemeinschaft herauskristallisierte, gegenüber anderen Gruppierungen abgrenzte und als soziales Kollektiv in Erscheinung trat.

Ole Münch fragt ebenfalls aus historischer Perspektive, welche Kriterien der Gruppenbildung und Abgrenzung zwischen sozial unterschiedlich positionierten Akteuren auf dem Londoner Altkleidermarkt zum Einsatz kamen, und wie diese Akteure sowohl gesellschaftlich als auch politisch von Zeitgenossen und in der historischen Forschung repräsentiert wurden.

Melanie Brands Ethnographie zur häuslichen Gewalt in Südafrika nimmt sowohl eine kulturelle als auch eine Gender-Perspektive ein. Sie fragt, auf welcher kulturellen Verfasstheit die von ihr untersuchten geschlechtlich codierten Subjektpositionen aufsitzen und wie diese verhandelt werden.

Fragen nach der Bewertung und des Vergleichs von kulturellen und sozialen Identitäten stehen auch im Zentrum des Forschungsprojektes von Tilmann Heil, der aus der Perspektive unterschiedlich positionierter MigrantInnen-Gruppen soziale Hierarchisierungsprozesse und deren Umkehrung untersucht.

Die Fragestellungen der hier skizzierten Projekte legen nahe, dass es nicht nur um ‚Identitäten‘ und deren Verhandlung in sozialen Differenzierungsprozessen geht, sondern auch um deren Bewertung. Bewertungen sind dabei in zweierlei Weisen zu verstehen, nämlich einerseits affektiv/normativ und andererseits politisch/strategisch/machtbezogen. Durch eine derart nuancierte Analyse von Differenzierungs- und Identifikationsprozessen kann soziokulturelle (Des-)Integration besser verstanden werden.

Literatur

Barth, Fredrik 1969. Introduction, in Fredrik Barth (ed.) Ethnic groups and boundaries. The social organization of culture difference, Prospect Heights Ill.: Waveland Press.

Brubaker, Rogers and Cooper, Frederick 2000. Beyond "identity", Theory and Society 29(1): 1-47.

Wimmer, Andreas 2008. Ethnische Grenzziehungen in der Immigrationsgesellschaft. Jenseits des Herder’schen Commonsense, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 48: 57-80.

Wimmer, Andreas 2013. Ethnic boundary making: institutions, power, networks. New York: Oxford University Press.