Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

„Der Terrorismus ist eine Erfindung der amerikanisch-europäischen Moderne“

Unter welchen historischen Bedingungen entstand der Terrorismus? Dies erforschte die Historikerin Carola Dietze während ihres Fellowships am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz 2011/2012. Ihr viel besprochenes Buch „Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858–1866“ ist 2016 erschienen.

Carola Dietze

Was weckte Ihr Interesse am Themenbereich Terrorismus?

Dietze: Das auslösende Ereignis waren für mich die Anschläge vom 11. September 2001. Sowohl das Ereignis als auch die Reaktionen darauf haben mich – wie viele andere damals auch – beschäftigt und Fragen aufgeworfen, angefangen damit, was der Terrorismus eigentlich ist.

Gibt es denn keine übereinstimmende Definition dieses Phänomens?

Dietze: In fast jedem Text zum Thema steht, dass man Terrorismus nicht definieren könne. In der Tat gab es schon in den 1980er-Jahren über 100 Definitionen. So meinen einige Terrorismusforscher, dass es sinnvoller wäre, den Begriff in der Wissenschaft zu vermeiden. Der Begriff ist umstritten, nicht zuletzt, weil er im Alltagsgebrauch oft benutzt wird, um politische Gegner zu diskreditieren. Im Moment kann man das beispielsweise in der Türkei gut beobachten.

Was macht Terrorismus für Sie konkret aus?

Dietze: Dass man Terrorismus nicht definieren könne, fand ich nicht plausibel. Denn gute wissenschaftliche Definitionen enthalten im Grunde die gleichen Elemente. Ich finde die Definition von Peter Waldmann am passendsten, der Terrorismus als „planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund“ definiert, „die vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen sollen“.

Waldmanns Definition halte ich für die beste, weil er einbezieht, dass Terrorismus auch Unterstützungsbereitschaft bei Anhängern hervorrufen soll. Dieses Element ist wichtig, wie sich in der historischen Analyse herausgestellt hat. Dabei habe ich eine Suche nach Formen der Gewalt in der Geschichte unternommen, die der heutigen Definition von Terrorismus entsprechen, und nach den Personen, die die terroristische Handlungslogik als erste verstanden haben.

Was möchten Sie mit Ihrer aktuellen Publikation über die „Erfindung des Terrorismus“ zeigen?

Dietze: Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden sofort historisch gedeutet: Sie wurden einerseits als etwas komplett Neues präsentiert, etwas nie Dagewesenes – und da reagieren Historiker und Historikerinnen grundsätzlich skeptisch – und andererseits als eine barbarisch-mittelalterliche Erscheinung. Diese Dichotomie von Barbarei und Zivilisation, von mittelalterlicher Barbarei, die die moderne Zivilisation angreift, wollte mir nicht einleuchten.

Zudem wurde und wird Terrorismus dargestellt als etwas, was mit dem Islam zu tun hat und in der islamischen Welt entstanden sei. So werden beispielsweise die Assassinen aus dem mittelalterlichen Persien als Urväter des Terrorismus präsentiert. Ausgehend von sozialwissenschaftlichen Analysen des Terrorismus war meine Grundthese, dass Massenmedien notwendig sind, damit Terrorismus entstehen kann. Da die modernen Massenmedien und Massenöffentlichkeiten sich in Europa und den USA entwickelt haben, folgt daraus, dass der Terrorismus ein modernes und ein westliches Phänomen sein muss.

Meine Studie zeigt, wo Terrorismus als Taktik politischer Gewalt entstanden ist und wer zuerst erkannt hat, dass symbolische Gewalt, die medial repräsentiert und verstärkt wird, weitreichende psychische und politische Folgen auszulösen imstande ist.

Zeitgenössische Darstellung des Attentats auf den französischen Kaiser Napoleon III. 1858, an dem der Italiener Felice Orsini maßgeblich beteiligt war.
Zeitgenössische Darstellung des Attentats auf den französischen Kaiser Napoleon III. 1858, an dem der Italiener Felice Orsini maßgeblich beteiligt war.

Wer hat also den Terrorismus erfunden?

Dietze: Sieht man von vereinzelten möglichen Vorläufern wie Charlotte Corday und Karl Ludwig Sand einmal ab, die es noch weiter zu untersuchen gilt, beginnt die eigentliche Geschichte des Terrorismus mit Felice Orsini, John Brown und drei Nachahmern, die durch den transatlantischen Kommunikationsraum, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Europa, Russland und die USA umfasste, voneinander erfahren haben. In einem seriell-kollektiven Lernprozess entstand so eine Taktik, die wir heute als „Terrorismus“ bezeichnen, und die in der Folge weiterentwickelt wurde.

Ein Beispiel für diese Weiterentwicklung ist die Erfindung des Bekennerschreibens durch die Nachahmer. Ich kann die Entstehung des Terrorismus somit ganz konkret aufzeigen als einen Erfindungsprozess, in dessen Verlauf einige Personen begreifen, dass und wie sie sich und die von ihnen ausgeübte Gewalt medial inszenieren, um politischen Erfolg zu haben. Der Terrorismus ist also eine Erfindung der amerikanisch-europäischen Moderne. Die terroristische Taktik wurde hier hervorgebracht, und zwar im Zusammenhang mit neuen Transportmitteln, Medien und politischen Ideen, die aus religiösen Reformbewegungen, der Aufklärung und der amerikanischen und französischen Revolution stammen.

Wie sieht die Beziehung zwischen Terrorismus und Massenmedien konkret aus?

Dietze: Medien sind die Voraussetzung dafür, dass Terroristen ihre Botschaften an ein Publikum vermitteln und so die erwünschten psychologischen Folgen hervorrufen können: Angst und Terror sowie Sympathie und Unterstützungsbereitschaft. Das funktioniert nicht ohne eine schnelle und regelmäßige mediale Vermittlung. Margaret Thatcher sagte einmal, dass die Medien der Sauerstoff des Terrorismus seien. Dass der Terrorismus die Massenmedien braucht, ist eine Grunderkenntnis, die unter politischen Akteuren verbreitet ist. Deshalb wäre der Terrorismus nicht ohne die Massenmedien und Massenöffentlichkeit entstanden, die sich im 19. Jahrhundert rapide entwickelten.

Wie zeigen Sie das am historischen Beispiel in Ihrer Studie?

Dietze: John Brown etwa hat im Laufe seines Lebens als Aktivist in der Anti-Sklavereibewegung Erfahrungen mit den Massenmedien gesammelt und dadurch gelernt, wie er mit Medien die Öffentlichkeit beeinflussen kann. Genau diese Erfahrung setzte er ein, um sein Gewalthandeln zu legitimieren und die Mehrheit der Bevölkerung in den Nordstaaten der USA für sich einzunehmen. In meiner Studie zeichne ich diesen Lernprozess nach und kann zeigen, dass Brown es bereits verstand, die Medien einzusetzen, um für die von ihm ausgeübte Gewalt die nationale Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Verbindung zwischen Gewalt, Aufmerksamkeit und medialer Verwertung war ihm bewusst.

Was hat sich an der Medialität des Terrorismus im Laufe der Zeit geändert?

Dietze: Eine meiner Grundthesen ist, dass die terroristische Taktik spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Danach stellten sich Terroristen weiter auf neue mediale Gegebenheiten ein und versuchten, diese für sich zu nutzen. Das Fernsehen und das Internet waren hier entscheidend. Das Fernsehen hat es der Weltöffentlichkeit ermöglicht, in Echtzeit terroristische Anschläge mitzuverfolgen. Das erste Ereignis in dieser Hinsicht war die Münchener Olympiade mit dem Überfall der Gruppe „Schwarzer September“ auf die israelische Olympiamannschaft. Alle Fernsehteams waren vor Ort, die ganze Infrastruktur war aufgebaut, und so hat man überall auf der Welt in Echtzeit den Überfall und die Aktionen der Sicherheitskräfte verfolgen können. Das war in der Geschichte des Terrorismus ein signifikanter Schritt.

Und das Internet?

Dietze: Das Internet stellt wiederum einen neuen Schritt dar, weil es Terroristen ermöglicht, selbst produzierte Gewaltbotschaften zu verbreiten. Damit sind Terroristen nicht mehr auf offizielle Medienkanäle angewiesen, die die Gewaltbotschaften kommentiert und in bewusst gewählten Formaten senden. Das Internet erlaubt es Terroristen, diese Zwischeninstanz auszuschalten und Botschaften direkt zu senden. Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass die mediale Selbstrepräsentation ein Phänomen ist, das es vereinzelt schon vor der Durchsetzung des Internets gab. Einige palästinensische Gruppen etwa haben schon lange eigene Medien, darunter Fernsehkanäle. Mit Hilfe des Internets sind solche Selbstrepräsentationen jedoch günstiger und einfacher geworden.

Sollten die Medien wegen der Gefahr, instrumentalisiert zu werden, besser gar nicht über terroristische Akte berichten?

Dietze: In einem bestimmten historischen Moment wurde tatsächlich aus der Kenntnis des Zusammenhangs von Terrorismus und Medien die Schlussfolgerung gezogen, dass Medien über terroristische Taten nicht berichten sollten. So hat Bundeskanzler Helmut Schmidt bei der Entführung Hanns Martin Schleyers durch die RAF einen freiwilligen Verzicht auf Berichterstattung erreichen können. So etwas wäre heute nicht mehr umsetzbar, weil mit dem Handy jeder ein Berichterstatter werden kann. Wenn die großen Medien nicht mehr berichten würden, würden andere berichten. Hinzu kommt, dass die aktuellen terroristischen Gewaltanschläge stärker auf die Zivilbevölkerung zielen. Da ist es notwendig, die Bevölkerung schnell zu informieren.

Wie können die Medien heute stattdessen reagieren?

Dietze: Anhand meiner historischen Fallstudien hat sich gezeigt, dass es ratsam ist, einen terroristischen Anschlag nicht als spektakulär zu behandeln und auf diese Weise künstlich zu überhöhen. Stattdessen erwies es sich in der Vergangenheit als hilfreich, Anschläge möglichst sachlich in ihren politischen Dimensionen zu behandeln. Terrorismus hängt eng mit Delegitimierung politischer Ordnungen zusammen: Diejenigen, die Anschläge ausüben, empfinden die politische Ordnung, in der sie leben, als unzureichend legitimiert, wollen dies vermitteln und zugleich die politische Ordnung schwächen.

Daher wäre eine Berichterstattung, die die politischen Probleme hinter den Anschlägen zu verstehen und zu behandeln erlaubt, ein wichtiger Beitrag, um einer Gesellschaft zu ermöglichen, über politische Lösungsstrategien nachzudenken und die Probleme mit Hilfe politischer Maßnahmen anzupacken. Das wäre ein erster Schritt, um Terrorismus mittel- und langfristig einzuhegen.

Was zeigt Ihre Studie im Hinblick auf das Verhältnis von Politik und Terrorismus?

Dietze: Eine Gefahr im Umgang mit Terrorismus ist die politische Instrumentalisierung. Denn solche Instrumentalisierungen durch mächtige politische Akteure wirken dahin, dass sie die Attentäter und die ausgeübte Gewalt in ihrer Bedeutung überhöhen und ihnen breiten Raum in den Medien geben. Schon bei der Entstehung des Terrorismus ist Instrumentalisierung ein maßgeblicher Faktor gewesen, als Napoleon III. Orsinis Anschlag politisch benutzte und so einen entscheidenden Anstoß für die Erfindung der terroristischen Taktik gegeben hat.

Solche Instrumentalisierungen können sogar in Staatsterror umschlagen. Ein prominentes Beispiel ist der Reichstagsbrand von 1933, in dessen Folge die nationalsozialistischen Ausnahmemaßnahmen gerechtfertigt wurden. Solche Maßnahmen sind oft ohnehin geplant, doch erst aufgrund eines Anschlags meint man, sie durchsetzen zu können. Die Politik stellt terroristische Anschläge dann als so gefährlich dar, dass außergewöhnliche Maßnahmen zu ihrer Beantwortung notwendig sind. Solche Dynamiken findet man seit dem 19. Jahrhundert immer wieder.

Was erhoffen Sie sich von der zukünftigen öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Terrorismus“?

Dietze: Ich denke, dass es entscheidend ist, politische und kulturelle Strategien im Umgang mit Terrorismus zu finden, die – zumindest mittel- und langfristig – wirklich wirksam sind. Mit polizeilichen und militärischen Strategien lässt sich zwar gegen diejenigen vorgehen, die sich schon radikalisiert haben und Anschläge planen, doch sieht man sich hier einem Problem gegenüber wie bei einer Hydra: Da kann man zwar versuchen, Köpfe abzuschlagen, doch die wachsen schnell wieder nach.

Deshalb muss es darum gehen, sich stärker gesellschaftlich und politisch mit den Ursachen für Terrorismus auseinanderzusetzen. Sowohl die historische als auch die gesell­schafts­- und kulturwis­senschaftliche Forschung können hier einen Beitrag leisten. Das Bewusstsein um diese Möglichkeiten und Zusammenhänge stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, damit wir als Gesellschaft nachhaltige Wege der Bekämpfung von Terrorismus finden, das sind wichtige Anliegen für mich.

Das Interview führte Tim Julijan Holzner.

Die Historikerin PD Dr. Carola Dietze war 2011 bis 2012 Fellow des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz. Im Wintersemester 2016/2017 hat sie die Professur für Neuere Geschichte (Prof. Ute Daniel) an der TU Braunschweig vertreten.

Weiterlesen

Cover

Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858–1866. Hamburg: Hamburger Edition 2016.
Über das Buch

Der Anschlag und seine Geschichte
Der Terrorismus entstand im 19. Jahrhundert in Europa und den USA – und ist als Taktik nicht prinzipiell zum Scheitern verurteilt, meint die Historikerin Carola Dietze. Sie warnt, die politische Wirkung von Terrorismus zu unterschätzen.
Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 23. April 2017