Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Dabei sein ist alles?

Politik und olympischer Traum - in China eins

von Thoralf Klein

Was ist die Geburtsstunde von Chinas olympischer Vision? Im Jahr 1907 warfen drei Studenten in einem englischsprachigen Zeitungsartikel eine Frage auf: „Wann wird China in der Lage sein, die ganze Welt zu einem internationalen Olympischen Wettkampf nach Peking einzuladen?“ Zu diesem Zeitpunkt mutete diese Idee geradezu utopisch an, aber schon damals zog China eine Verbindungslinie zwischen seiner Fähigkeit, olympische Wettbewerbe auszurichten, und seiner Stellung in der Welt. Und daran änderte sich bis heute nichts.

Politische Überlegungen fungierten in der Tat als Geburtshelfer für den westlichen Sport in China. Dem chinesischen Regime kamen Zweifel an der körperlichen Durchsetzungsfähigkeit seiner Bevölkerung, als das Vordringen des westlichen Imperialismus im späten 19. Jahrhundert auf einer militärischen Überlegenheit beruhte. Um die eigene Kampfkraft zu stärken, führte die Armee bereits seit den 1860ern Leibesübungen ein: Boxen, Fechten, Hoch- und Weitsprung, Schwimmen und Turnen. Vorbilder waren das deutsche Drillturnen und die schwedische Gymnastik.

Die körperliche Stärkung der Nation sollte ihr Überleben im Wettkampf der Nationalstaaten sichern.

Ebenfalls seit der Jahrhundertwende entwickelte sich ein athletisches Sportkonzept nach angelsächsischem Vorbild, das die individuelle Leistungssteigerung propagierte und im chinesischen Hochleistungssport mündete. Aber auch die chinesischen Kampfkünste, in Europa zumeist unter dem Begriff „Kungfu“ bekannt, konnten sich langfristig im Sportsystem behaupten. Vertreter aller drei Konzepte waren sich einig in ihrem Ziel: durch die körperliche Stärkung der Nation ihr Überleben im Wettkampf der Nationalstaaten zu sichern. Aber allein der athletische Sport bot die Möglichkeit, Chinas körperliche Leistungsfähigkeit auf internationalen Wettbewerben zur Schau zu stellen.

Die Integration in den Weltsport verlief indes nicht nur schleppend, China musste auch mehrere Rückschläge hinnehmen. Nachdem seit 1910 regelmäßig nationale Meisterschaften in China stattfanden, boten die zwischen 1913 und 1934 abgehaltenen Far Eastern Games die erste Möglichkeit für Auftritte chinesischer Athleten auf internationalem Parkett. Wie der ursprüngliche Titel „Far Eastern Olympic Games“ zeigt, waren sie als Alternative - von chinesischer Seite durchaus auch als Vorstufe - zu den offiziellen Olympischen Spielen gedacht. Entsprechend nahm das Land an allen zehn Wettbewerben zwischen 1913 und 1934 teil. Dreimal richtete es die Spiele unter großer öffentlicher Anteilnahme selbst aus. Jedoch enttäuschten die Athleten regelmäßig die Erfolgserwartungen der chinesischen Öffentlichkeit.

Chinesischer Läufer kurz vor dem Ziel
Foto: flickr.com. Einige Rechte vorbehalten.

Die Mandschurei-Krise war das erste konkrete politische Ereignis, das unmittelbar Chinas Position in der internationalen Sportwelt beeinflusste. Denn nach ihrem Einfall in die Mandschurei 1931 bemühte sich die Regierung in Tokio, dem in der Mandschurei begründeten Satellitenstaat Mandschukuo die Anerkennung durch die Far Eastern Amateur Athletic Association sowie durch das IOC zu verschaffen. Dies führte einerseits zur Einstellung der Far Eastern Games, andererseit sah sich die bis dahin eher zögerliche Nationale Amateursportvereinigung Chinas gezwungen, ihre Beteiligung an den Olympischen Spielen zu forcieren.

Zu den Spielen in Los Angeles 1932 entsandte China zwar lediglich den Sprinter Li Changchun; vier Jahre später in Berlin ging aber bereits eine 107 Personen starke, mit Hilfe deutscher Trainer vorbereitete Mannschaft an den Start. Nach dem 2. Weltkrieg fasste die chinesische Regierung sogar eine Bewerbung um die Sommerspiele von 1952 ins Auge, was aber der 1946 ausgebrochene Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten verhinderte.Nach Gründung der Volksrepublik 1949 und der Flucht der nationalistischen Regierung nach Taiwan lähmte der Kalte Krieg Chinas olympische Ambitionen zunehmend. Zwei Jahre nach den Spielen von Melbourne 1956 brach das chinesische Komitee seine Beziehungen zum IOC ab.

Seit den Spielen von 1984 wurden olympische Medaillen zum Symbol für Chinas Weltmachtstellung.

Stattdessen wurde die Volksrepublik der wichtigste Förderer eines Konkurrenzunternehmens, der ebenfalls alle vier Jahre auszutragenden „Games of the New Emerging Forces“ (GANEFO), die erstmals 1963 in Jakarta stattfanden. Der Beginn der Kulturrevolution im Sommer 1966 führte jedoch dazu, dass die Volksrepublik den GANEFO die finanzielle Unterstützung entzog. Die Entspannungspolitik der 1970er Jahre und das Tauwetter zwischen den USA und der Volksrepublik China ermöglichten die Rückkehr in die olympische Arena.

Seit den Spielen von 1984 wurden olympische Medaillen zum Symbol für Chinas Weltmachtstellung, und zwar umso bewusster, je mehr die sportliche Erfolgsbilanz vom wirtschaftlichen Aufschwung eingeholt wurde. Darüber hinaus sollte der athletische Wettbewerb der eigenen Bevölkerung vor Augen führen, wie eine kapitalistische Ökonomie funktionierte. Dies war umso leichter möglich, als der Kapitalismus selbst in Form von privatem Sponsoring und kommerzieller Werbung größeren Einfluss auf den Sport zu nehmen begann.

Träger der olypischen Fackel wird von Polizisten beschützt.
Foto: flickr.com. Einige Rechte vorbehalten.

Mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 wendet sich China erneut an die Weltöffentlichkeit, jedoch in nie da gewesenem Ausmaß. In dem staatlich sanktionierten Plan, alle 119 Medaillen in den Kernsportarten zu erringen, brechen sich lange zurückgehaltene Überlegenheitsphantasien Bahn. Die Debatte über den Aufstand in Tibet im Frühjahr 2008 enthüllte jedoch die Diskrepanz zwischen der chinesischen Selbstdarstellung und der Vorstellung, die man sich im westlichen Ausland von China macht.

Gerade die neuerliche Aufladung der Spiele mit politischen Konflikten erhält im Licht der Verbindungslinie zwischen Sport und internationaler Anerkennung, wie sie in China seit hundert Jahren gezogen wird, erst ihre eigentliche Bedeutung. Denn vor dem historischen Hintergrund des Imperialismus, der in der chinesischen Öffentlichkeit bis heute sehr präsent ist, lässt sich der Olympiaboykott als strategisches Mittel des „Westens“ interpretieren, China den ihm zustehenden Status vorzuenthalten.Es deutet derzeit nichts darauf hin, dass sich ein Ausgleich zwischen chinesischen Zielen und westlichen Erwartungen finden lässt.

Dr. Thoralf Klein ist Historiker und Sinologe am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz.
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der Olympia-Beilage der Süddeutschen Zeitung vom 9. August 2008. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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