Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Über die Arbeitsgruppe Gewaltforschung

Die Arbeitsgruppe ist einer kulturwissenschaftlich informierten Gewaltforschung verpflichtet, die unterschiedliche fachwissenschaftliche Perspektiven und Methoden einbezieht und sich zum Ziel gesetzt hat, Akzente im Forschungsfeld C „Kulturelle Modellierung von Hierarchie und Gewalt“ zu setzen. Die Arbeitsgruppe umfasst im Kern die Fächer Geschichtswissenschaft, Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Literatur- und Medienwissenschaften. Zudem werden die Fächer Ethnologie, Soziologie und Psychologie einbezogen.

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Gewaltforschung hat sich im Februar 2014 konstituiert. Interne Arbeitsgruppensitzungen während des Sommersemesters 2014 dienten zunächst der formalen und inhaltlichen Konturierung gemeinsamer Interessensfelder. Im Wintersemester 2014/2015 haben wir aus dieser Arbeitsgruppe heraus die interdisziplinäre Vortragsreihe „Konstanzer Beiträge zur Gewaltforschung“ gestartet, die jeweils von 40 bis 100 Teilnehmern besucht wurde. Diese Vortragsreihe soll kontinuierlich weiter geführt werden.

Unser epochenübergreifend vergleichender Ansatz ist auf Kulturen politischer Gewalt ausgerichtet. Es geht uns um die jeweils historisch spezifischen Sinndeutungen und Tabuisierungen von Gewalt in Heiligen Büchern, in der Literatur und Geschichtsschreibung, in der Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit.

Kulturen politischer Gewalt zu untersuchen bedeutet, Semantisierungen, Ritualisierungen und zeichenhafte Codierungen von Gewalt in unterschiedlichen historischen Konstellationen zu analysieren. Anstatt auf den ausgetretenen Pfaden der Gewaltursachenforschung zu wandeln, fokussiert sich unsere Aufmerksamkeit auf Gewalthandlungen, die als performative Akte mit symbolischen Bedeutungen verstanden werden, welche uns wiederum nur in der codierten Form medialer Zeichensysteme zugänglich sind. Die produktive Gestalt dieser Medialität, als auch die gesellschaftlich-politischen Effekte der Codierung von Gewalt, stehen in Zentrum unseres Interesses an der historischen Entwicklung und an dem Wandel von Kommunikationsformen. Die historischen Transformationen von medialen Ensembles und entsprechenden Gewaltcodierungen sind Gegenstand dieses Interesses an wechselnden kulturellen Definitionen von Gewalt. Imaginierte Gewalt wird im historischen Wandel und in ihren transnationalen und globalen Zirkulationsprozessen erforscht.

Die Arbeitsgruppe hat sich darauf verständigt, die Situationsoffenheit autotelischer Gewalt im Themenfeld der historischen Bürgerkriegsforschung zu verankern. Dort soll nach der dynamischen Prozesshaftigkeit und eigendynamischen Entgrenzungspotentialität von Bürgerkriegen gefragt werden. Die transgressive Wucht, die gerade das Töten im Nachbereich erfordert, soll gemeinschaftsbildende, semantische und mediale Dimensionen von soziale Gewaltpraxen zusammen denken.

Bürgerkriege werden nicht nur in politologischer und gegenwartbezogener Perspektive, sondern erstens mit weitem historischen Blick von der Antike bis in die Gegenwart und zweitens unter kultur- und medienwissenschaftlichen Fragestellungen betrachtet. Dabei wird nach den historischen Verbindungen von Bürgerkriegen mit zwischenstaatlichen Kriegen und Revolutionen gefragt. Intensitätsgrade und Beteiligungsmuster, Radikalisierungstendenzen und Brutalisierungsdynamiken, Instanzen zur Legitimierung von Bürgerkriegen, Muster kultureller und physischer Raumdominanz, ästhetische und symbolische Muster der Auseinandersetzungen sowie die sozialen Funktionen medialer Codierung sind nur einige der Themenbereiche, die in diesem Zusammenhang erforscht werden.

Ausgewählte Publikationen aus der Arbeitsgruppe zum Thema

  • Ferhadbegovic, Sabina / Weiffen, Brigitte (Hrsg.): Bürgerkriege erzählen. Zum Verlauf unziviler Konflikte. Konstanz 2011.
  • Gotter, Ulrich: Abgeschlagene Hände und herausquellendes Gedärm. Das häßliche Antlitz der römischen Bürgerkriege und seine politischen Kontexte, in: S. Ferhadbegovic/B. Weiffen (Hrsg.), Bürgerkriege erzählen. Zum Verlauf unziviler Konflikte, Konstanz 2011, S. 55-69.
  • Gotter, Ulrich: Vom Rubicon nach Philippi: Schauplätze der römischen Bürgerkriege, in: K.-J. Hölkeskamp/E. Hölkeskamp (Hrsg.), Erinnerungsorte der Antike. Rom und sein Imperium, München 2006, S. 242-257.
  • Mahlke, Kirsten / Michael C. Frank (Hrsg.), Kultur und Terror (Heft 7 der „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“). Bielefeld 2010.
  • Mahlke, Kirsten: A Fantastic Tale of Terror: Argentina’s Disappeared and their Narrative Representation in Julio Cortázar’s Second Time Around, in: Michael Frank/ Eva Gruber (eds.), Literature and Terrorism. Amsterdam/Atlanta 2012, S. 195-212.
  • Otto, Isabell: Aggressive Medien. Zur Geschichte des Wissens über Mediengewalt. Bielefeld 2008.
  • Pietrow-Ennker, Bianka (Hrsg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. 3. erweiterte Neuauflage Frankfurt/M. 2011.
  • Pietrow-Ennker, Bianka (Hrsg.): Russlands imperiale Macht. Integrationsstrategien und ihre Reichweite in transnationaler Perspektive. Wien 2012.
  • Pietrow-Ennker, Bianka u. Ennker, Benno: Ein Reich mit Mission, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 109, 12.05.2014, S. 6
  • Reichardt, Sven: Die verdorbenen Burschen wollen von sich reden machen und finden auch noch ein Echo, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 208 vom 7. September 2011, S. N3
  • Reichardt, Sven: Faschistische Beteiligungsdiktaturen, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 42, 2014, S. 133-157.
  • Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. 2. durchgesehene Aufl. Köln 2009.
  • Reichardt, Sven: Faschistische Tatgemeinschaften, in: Schlemmer, Thomas/Woller, Hans (Hrsg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung. München 2014, S. 73-88.
  • Reichardt, Sven: Violence and Community, in: Central European History 46, 2013, S. 275-297
  • Seibel, Wolfgang: Kausale Mechanismen des Behördenversagen: Eine Prozessanalyse des Fahndungsfehlschlags bei der Aufklärung der NSU-Morde. Der moderne Staat 7 (2014): 375-413.
  • Seibel, Wolfgang: Politisierung internationaler Organisationen: Eine theoretische Einordnung am Beispiel der Vereinten Nationen und des Prinzips der Schutzverantwortung. Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 47 (2014): 217-243.
  • Weidmann, Nils/ Schutte, Sebastian: Diffusion Patterns of Violence in Civil Wars, in: Political Geography 30, Heft 3, 2011.
  • Weidmann, Nils: Micro-cleavages and Violence in Civil Wars. A Computational Assessment, in: Conflict Management and Peace Science (i.E.)
  • Weidmann, Nils: Micro-level studies, in: Newmann, Edward / DeRouen, Karl (Hrsg.): Routledge Handbook of Civil Wars. London/NewYork 2014, S. 67-78.
  • Weidmann, Nils:Violence “from above” or “from below”? The Role of Ethnicity in Bosnia’s Civil War, in: Journal of Politics 73, Heft 4, 2011.

Kontakt

Prof. Dr. Sven Reichardt

Kontakt: Dagmar Bethe dagmar.bethe[at]uni-konstanz.de