Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Geteiltes Gut …

27. Juni 2017

James Ferguson

Hat nur Anspruch auf staatliche Hilfen, wer sie sich durch Arbeit verdient hat? Welches Verteilungsprinzip kann in Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit dann überhaupt für soziale Gerechtigkeit und ein friedliches Miteinander sorgen? In der diesjährigen Dahrendorf-Lecture „Presence and Social Obligation: An Essay on the Share“ am Mittwoch, 5. Juli 2017, um 19 Uhr beleuchtet Professor James Ferguson aktuelle politische Verteilungsstrategien kritisch.

Der renommierte Ethnologe von der amerikanischen Stanford University hat sich während mehrerer Forschungsaufenthalte im südlichen Afrika der Frage gerechten Teilens gewidmet. Zu der Veranstaltung lädt der Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ in den Hörsaal A 703 der Universität Konstanz ein.

Was hierzulande unter dem Motto „Soziale Gerechtigkeit“ die Gemüter bewegt, ist auf der Südhalbkugel vielerorts für große Teile der Bevölkerung eine Frage des Überlebens: Wie lässt man die unter großer Armut leidenden Menschen am Bruttonationaleinkommen teilhaben? Angesichts hoher Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Massenarmut haben einige afrikanische Staaten in der jüngeren Vergangenheit ihr Wohlfahrtssystem ausgebaut. In Südafrika etwa erhält mehr als die Hälfte der Bevölkerung „cash transfers“, eine Art Sozialhilfezahlungen an besonders Bedürftige. Doch ist solche Unterstützung nicht unumstritten, denn sie führt zu neuen Formen der Abhängigkeit, wie Ferguson erläutert, der über soziale Konzepte des (Ver-)Teilens forscht. Hingen früher Kinder, Frauen und ältere Menschen davon ab, dass die arbeitsfähigen Männer für den Lebensunterhalt der Familie sorgten, finden sich heute arbeitslose Männer oft in einer Abhängigkeit von denjenigen sozialen Zuwendungen wieder, die ihre Frauen und minderjährige Kinder oder ältere Verwandten empfangen. Eine Form der Abhängigkeit tritt hier also nur an die Stelle einer anderen.

Diese Erkenntnis ließ den Ethnologen darüber nachdenken, wie der Teufelskreis der Abhängigkeiten durchbrochen werden kann, was jedoch weder durch Geldgaben noch durch ökonomischen Austausch gelingt. So entwirft er in seinem Buch „Give a Man a Fish. Reflections on the New Politics of Distribution“ (2015) ein Konzept zu neuen Formen der politischen Mobilisierung.

„Wie alle sozialen Verteilungskonzepte zuvor basieren auch die heutigen auf Prinzipien der nationalstaatlichen Zugehörigkeit“, stellt der Wissenschaftler fest. „Doch diese Logik der Staatsbürgerschaft stößt auf Grenzen. Deshalb schwebt mir ein Prinzip vor, das sich lediglich an ‚Präsenz’ knüpft.“

Was dieses breite Verständnis von sozialer Verpflichtung konkret bedeutet und inwiefern es sich in Strategien für eine inklusivere Politik übersetzen lässt, wird er in der Dahrendorf-Lecture ausführen.
Die Dahrendorf-Lecture gedenkt eines der wichtigsten Gründerväter der Universität Konstanz, des Hochschulreformers Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ralf Dahrendorf, der 2009 verstarb. Der deutsch-britische Soziologe Lord Dahrendorf war mit seinen visionären Hochschulplänen ein Vordenker der heutigen Bachelor-Studienstruktur. Ralf Dahrendorf war von 1966 bis 1969 und von 1984 bis 1987 Professor für Soziologie an der Universität Konstanz.

Faktenübersicht

  • Veranstaltung: Dahrendorf-Lecture „Presence and Social Obligation: An Essay on the Share“
  • Referent: Prof. James Ferguson, Ethnologe an der Stanford University (USA)
  • Zeit: 5. Juli 2017, um 19 Uhr
  • Ort: Hörsaal A 703 der Universität Konstanz
  • Der Eintritt zu der Veranstaltung (in englischer Sprache) ist frei.

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