Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Geplante Peripherien. Das Problem der Steuerbarkeit von Marginalisierungs- und Chaotisierungseffekten

Einladungskonzept für eine Gruppe von Fellows an das Konstanzer Kulturwissenschaftliche Kolleg, 2009/2010

In das Konstanzer Kulturwissenschaftliche Kolleg soll für das akademische Jahr 2009/10 eine Gruppe von Fellows eingeladen werden, die sich mit dem Problem der Planung von Peripherien beschäftigen wollen und entsprechend ausgewiesen sind.

Für die Problematik von Integration und Desintegration kommt räumlichen Strukturen, sowohl im empirischen als auch im symbolischen Sinn, eine besondere Rolle zu. Bezieht man sie in die Fragestellung mit ein, wird die Integrationsdebatte von der einseitigen Fixierung auf Normen und Werte gelöst. In dem Maß, in dem Hierarchie mit ihren vertikalen Aufbauten als Modus von Ordnungsstiftung in Frage gestellt wird, wendet sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit pluralen und heterarchischen Organisationsweisen zu, die gleichsam in die Fläche geklappt sind und sich entsprechend über horizontale Raummuster koordinieren. Hier berührt sich die Fragestellung des Clusters mit dem topographical turn in den Kulturwissenschaften, mit der neuerdings wieder stark aufgewerteten Kulturgeographie und mit der Erforschung von räumlichen Infrastrukturen sowohl im Mikro- als auch im Makrobereich.

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Begriffspaar von Zentrum und Peripherie, das sich in vielen Facetten und Anwendungsgebieten als heuristisch fruchtbar erwiesen hat. Gewöhnlich wird damit die Vorstellung einer im Raum unterschiedlich verteilten Planungs- und Kontrolldichte verbunden: Das Zentrum gilt als intensiv kontrollierter Bereich, während sich die jeweiligen Strukturmuster zur Peripherie hin aufzulösen beginnen. Abgesehen von dialektischen Umkehreffekten und Interferenzen zwischen Zentrum und Peripherie, die sich diesem Schema nicht fügen, gerät dabei aber das generelle Problem der Steuerung auch von peripheren Entwicklungen aus dem Blick. Wie gehen politische, soziale und kulturelle Systeme mit der Tatsache um, dass ihre Strukturvorgaben nur über eine begrenzte Reichweite verfügen? Wie reagieren sie auf (teilweise durch die eigenen Maßnahmen hervorgerufenen) Chaotisierungseffekte an ihren Rändern? Welche Mittel stehen ihnen zur Verfügung, um die Prozesse von Verwilderung, Auflösung, Mischung und Hybridisierung, die sich dort zutragen, den Aufbau von Sub- und Gegenkulturen, die ,Kontamination‘ mit fremden Einflüssen, die Bildung ambivalenter oder multipler Identitäten wenn nicht unter Kontrolle zu bringen, so doch zu entschärfen? Welche gouvernementalen Modelle werden gefunden und praktiziert, um das Chaos an den Rändern womöglich sogar als einen Erregungsherd produktiver Innovationen nutzbar zu machen? Umgekehrt: Welche Strategien der Segregation, Inklusion und Exklusion werden ins Werk gesetzt, um den Korridor der Peripherie wieder undurchlässig zu machen?

Die Fragestellung richtet sich also auf die Paradoxie einer Systemsteuerung jenseits der Zone der Steuerbarkeit. Dem kulturwissenschaftlichen Charakter des Unternehmens wird durch die These Rechnung getragen, dass in diesem Zusammenhang besondere kulturelle Fertigkeiten entwickelt und Mechanismen in Gang gesetzt werden, die von dem Repertoire der ,offiziellen‘ Sozialsteuerungen abweichen und deshalb möglicherweise nicht hinreichend erforscht worden sind.

Exemplarische Forschungsgebiete

Peripheriesteuerung ist ein Thema mit großer historischer Tiefe, zumal vormoderne Sozialgebilde wegen der noch unentwickelten Technik und Infrastruktur ständig mit dem Problem räumlicher Entfernung konfrontiert sind. Im makrosozialen Maßstab wird dies besonders an der inneren Organisation von Imperien evident, die regelmäßig von unerwünschten Tendenzen an ihrer Peripherie heimgesucht werden. Hier kann sowohl an Befunde der Imperiumstheorie (M. Mann, M. Doyle, H. Münkler) als auch an die Typologie von Imperiumsgrenzen (J. Osterhammel) angeknüpft werden. Aber auch die problematische Kontrolle der Machtzentrale über die ,inneren Peripherien‘ (genealogische Nebenlinien, Nebenzentren der Macht, das Volk in der Residenz usw.) ist in historischer Dimension zu erschließen.

In der Moderne gewinnt, wenn man den Periodisierungen der Systemtheorie trauen darf, das Problem der Peripheriesteuerung durch die Umstellung von stratifikatorische auf funktionale Differenzierung an Brisanz. Wenn sich Funktionssysteme nur teilweise überlappen, teilweise jedoch gegenläufig arbeiten, kommt es zu einer Pluralisierung von Peripherien, denen sich mit herkömmlichen Herrschaftsmethoden nicht beikommen lässt. Entsprechend müssen moderne Gesellschaften ihren Integrationsmodus umstellen und zu elastischeren Regelungen gelangen; diese relative ,Schwäche‘ bietet umgekehrt Anlass zu Gegenbewegungen - etwa fundamentalistischer Art -, die eine klare Scheidung zwischen Innen und Außen wiedereinführen wollen.

Typischerweise finden sich aber gerade in modernen Gesellschaften Orte, an denen derartige Unterscheidungen kollabieren. Ein solcher Ort ist die Stadt, die sich deshalb in dem skizzierten Zusammenhang als ein bevorzugtes Studienobjekt anbietet. Hier lassen sich räumliche Ordnungen in ihrer doppelten Ausrichtung - einerseits in der materiellen Erzeugung von räumlicher Ordnung durch Planungsmaßnahmen sowie durch konkrete architektonische und ästhetische Gestaltung, andererseits durch deren Aneignung und überformung in kulturellen Symbolen, d.h. in einer entsprechenden symbolic economy (Zukin) - wie in einer Laborsituation besonders gut analysieren.

Ein aktueller Schwerpunkt innerhalb des vorgeschlagenen Themas sollte deshalb auf der sozialen Funktion von städtischen Räumen in Zeiten der „Glokalisierung“ (Swyngedouw 1997) liegen. Auch hier gilt das Augenmerk der Peripherie in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen - als suburbia, sprawl oder banlieue -, womit sich die Frage nach der ökonomischen, politischen und architektonischen Plan- und Steuerbarkeit von Urbanisierungsprozessen überhaupt stellt. Zu den Merkmalen einer Metropole gehört die Aufteilung des städtischen Raumes in sozial segregierte, funktionell und baulich heterogene Elemente. Der Begriff ,Metropole‘ ruft so das Bild eines geordneten und abgegrenzten menschlichen Siedlungsraumes hervor, der jedoch beständig über seine administrativen und Planungsgrenzen hinauswächst. Das weitgehend unkontrollierte demographische Wachstum, das insbesondere die Entwicklung der Megacities in der Dritten Welt prägt, hängt unmittelbar mit der Auflösung ländlicher Ökonomien, oft unter dem Druck globaler Dynamiken, zusammen. Gleichwohl zeigen neuere Forschungen, dass Zugehörigkeiten in der Stadt sich häufig über die Herkunftsbeziehungen in den verlassenen ländlichen Regionen regeln. Das Verhältnis von Stadt und Land samt seinen kulturellen Implikationen bedarf deshalb einer erneuerten wissenschaftlichen Aufmerksamkeit.

Komplexe Wechselverhältnisse entstehen jedoch auch innerhalb der Metropolen mit ihren unterschiedlichen Baustufen vom möglicherweise antiken Zentrum bis hin zu den ausufernden Slums. Vor diesem Hintergrund soll sowohl in diachroner als auch in synchroner Perspektive untersucht werden, unter welchen Bedingungen Zentren integrierend wirken, während Peripherien eher zentrifugale Kräfte entwickeln. Gleichzeitig soll gefragt werden, in welchen sozialen Konstellationen Peripherien integrative Funktionen übernehmen, während sich die Zentren desintegrieren. Mit kontraintuitiven Effekten jedenfalls ist zu rechnen - entsprechend der Einsicht von Niklas Luhmann, dass moderne Gesellschaften ihrer polykontexturale Struktur nach nur noch an ihren Rändern und in ihren Exklusionsbereichen hoch integriert sind (Luhmann 1996). Am Ende könnte sich die politische Integrationsrhetorik, statt so etwas wie die Leitkultur der Gesellschaft zu bilden, als hegemoniale Elitensemantik erweisen: „Die Ränder sind es, die noch den Anschein einer Homogenität erwecken. Dort ist die Stadt abgegrenzt nach sozialen Unterschieden. In der Mitte ist alles übereinandergestürzt.“ (Kermani 2008)

Anbindung an die Thematik und die Forschungsfelder des Clusters

Symbolische und materielle Praktiken der Bewirtschaftung unbeherrschbarer Räume bilden ein Forschungsgebiet, von dem aus sich wesentliche kultur- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen des Clusters erschließen lassen.
So stellen etwa die Transformationsprozesse, wie sie sich derzeit an den Peripherien der global cities (Sassen 1995, 2001) in Asien oder Südamerika ereignen, einen ergiebigen Untersuchungsgegenstand für die ,Transkulturellen Hierarchien‘ dar, zumal sich innerhalb dieses Forschungsfeldes ein Schwerpunkt in der Migrationsforschung abzeichnet. In historischer Perspektive wäre von dort aus nach der Rolle von Städten als Anziehungs- und Sammelpunkten von Migrationsbewegungen in früheren Gesellschaften zu fragen.

Auch zu dem Forschungsfeld ,Identitätskulturen‘ können Untersuchungen zu ,geplanten Peripherien‘ einen wichtigen Beitrag leisten. Zum einen lässt sich in der Fokussierung auf Randzonen darüber nachdenken, wie sich die vom Zentrum angebotenen bzw. erzwungenen Identitätsstiftungen auswirken und welche zustimmenden, abweisenden oder subversiven Reaktionen sie hervorrufen; zum anderen finden gerade an der Peripherie Hybridisierungs- bzw. Abgrenzungsprozesse statt, die neuen Formen von kollektiver Identität bewirken oder ihnen entgegenstehen. Hierzu gehören auch religiöse Prozesse, da davon auszugehen ist, dass gerade in den Kontaktzonen zwischen Glaubensgemeinschaften besondere Konfliktdynamiken entstehen.

Für das Forschungsfeld ,Erzähltheorie als Kulturtheorie‘ schließlich ist das Thema im Hinblick auf die narrative Modellierung von Schwellen, Grenzen, Rahmen und Rändern sowie ihrer Verletzung bzw. übertretung ergiebig. Hier kann das Instrumentarium der Kultursemiotik, die vor allem bei Jurij Lotman eine komplette Theorie des Zentrum-Peripherie-Austauschs enthält, eingebracht werden.

 

Einblicke

Wissenschaftliche Erkundungen in Konstanzer Problemvierteln

Die Ergebnisse des Projektseminars „Raum-Expedition: Konstanz“ leisten einen Beitrag zur Lösung offener stadtpolitischer Fragen.

Veranstaltungen des Kollegs

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